03. März 2020

Vieles war anders. Die erste Westwind-Lesung im Jahr 2020 hatte eine andere als die Krimi-Stimmung, die in den letzten Jahren vergleichsweise häufig serviert wurde. Anders war die WestLounge, der Soutterrain-Raum in der „Botschaft des Westens” in Berlin, der NRW-Landesvertretung, in der die Lesungen stattfinden: Ein neuer, hellerer Boden, neu die Wände, andere Leuchtkörper. Kurz: eine andere Raumatmosphäre.

Der Verleger Dr. Hans-Gerd Koch und seine Autorin Monika Boldt

Die Zahl der Gäste war sichtbar geringer als in der Regel, nur etwa 30 Gäste hatten sich zur Abendgestaltung für die Westwind-Einladung entschieden. Die erste Lesung unter Corona-Einfluss? Das war die naheliegende Vermutung. Denn beim Blick über die Tische sah man fast nur gewohnte Gesichter, Mitglieder des NRW-Hauptstadtvereins, die zum Stammpublikum der Westwind-Lesungen zählen.

Anders war die Moderation. Denn die Moderation lag – abgesehen von wenigen einführenden Sätzen – beim Verleger des Karl-Rauch Verlags in Düsseldorf, Dr. Hans-Gerd Koch, der das Erstlingswerk „Vatersohn” von Monika Boldt betreut und in den Handel gebracht hat.

Keine Krimi-Stimmung also, in der die Handlung Spannung schafft. Dennoch gelang es der Autorin ihr Publikum zu fesseln. Mit klaren, ruhigen Sätzen gibt sie dem Ich-Erzähler, dem Sohn der Familie Stimme. Er nimmt uns Leserinnen und Leser mit. Wir sehen durch seine Augen, hören mit seinen Ohren, und werten mit seinem Kopf. Haben uns schnell eingerichtet in seiner Welt. Und freuen uns über die hin und wieder aufblitzende Komik.

Veranstaltungspartner: Ditmar Gatzmaga für den Westwind e.V., Margarete Schwind und Sabine Schaub von der Agentur Schwindkommunikation

Worum es geht? Das hat der Einladungspartner, die Agentur Schwindkommunikation bei der Einladung zur Lesung auf ihrer Website so zusammengefasst:

Geregeltes Familienleben am breiten Strom: Schmidt ist Kanzler, der Vater Lokführer, der Sohn spart auf ein Schiff. Fast ein Idyll. Bis sich ein Mann aufs Gleis wirft, die Bremse zu spät greift. Und der Vater bei der nächsten Fahrt auf der gleichen Strecke an einem Schlaganfall stirbt.”

Vieles war anders. Selbstverständlich aber las Monika Boldt aus Ihrem Roman. Wir tauchen ein in die Welt des Sohnes, in das, was er wahrnimmt, erinnert und denkt. Schnell sind wir mittendrin, sehen mit den Augen des Jungen, denken und fühlen mit, sind mit ihm Pirat und kippen mit dem Schlauchboot ins Wasser. Und wollen wie er nicht glauben, dass Vater tot ist. Nein, er, der Lokführer, ist nur weggelaufen, als der Zug endlich zu halten kam und die Person vor der Lokomotive nicht mehr zu retten war. Irgendwie muss er doch zu finden sein?

Die erste Lesepause nutzt der Verleger für Fragen an Frau Boldt. Hat sie den Plan für den Roman im Kopf fertig gehabt, als sie zu schreiben begann? Nein, zunächst hielt sie Szenen fest, die ihr in den Sinn kamen. Dann begann sie die Bindeglieder zwischen diesen Szenen zu suchen. Und überlegte, wie die Mutter in die sich allmählich abzeichnende Handlung passte.

Wir erfuhren, dass Frau Boldt in Hilden, neben Düsseldorf, geboren wurde, in Düsseldorf aufwuchs, seit langen Jahren aber in Berlin lebt und arbeitet.

Und lauschten dann wieder ihrer Stimme, als sie uns erneut in die in die Welt des Jungen mitnahm. Natürlich, ohne dem Ende des Romans zu nahe zu kommen. Es gab aber selbstverständlich eine Möglichkeit, die Lücken zu schließen und alles zu wissen, was die Autorin uns zubereitet hat:

Der Verlag hatte einen Büchertisch aufgebaut, mit genügend Exemplaren von „Vatersohn” und einer Auswahl aus dem aktuellen Verlagsprogramm. In dem immer noch der „Kleine Prinz” eine bedeutende Rolle spielt. Unter anderem mit einer bibliophilen Kostbarkeit, einer POP-UP-Ausgabe dieser weltbekannten Geschichte, die jedem, wirklich jedem Gabentisch Ehre machen wird.

Und ein wunderbarer Beleg dafür ist, dass der Karl Rauch Verlag sich an Projekte wagt, die den großen Publikumsverlagen gar nicht erst in den Sinn kämen.

Margarete Schwind

SCHWINDKOMMUNIKATION, Berlin

Die Veranstaltungen auf der Westwind-Seite sind so verlockend. Hätte ich mehr Zeit – ich wäre bei den Besichtigungen immer dabei!