2. März 2017

Regionalkrimis haben Konjunktur. Weil die Tatorte den Lesern/innen vertraut sind, die sozusagen nebenan wohnen. Ja klar, nicht nur die Tatorte, sondern auch die Wohnorte der beteiligten Personen, die Landschaften ebenso wie die Einkaufsstraßen der Städte, die der Handlung den geographischen Rahmen geben. Aber nicht nur das: sie können auch Themen aufgreifen, die viele Menschen vor Ort bewegen. Im zuerst vorgestellten Buch, das der Autor, Thomas Hesse, gemeinsam mit Renate Wirth als neunten Band der Niederrhein-Krimis geschrieben hat, dreht sich fast alles um die “Betuwe-Linie”.

Thomas Hesse

Thomas Hesse arbeitet seit etlichen Jahren als Redakteur in Wesel für die regionale Monopolzeitung am “rechten Niederrhein”, für die Rheinische Post. Zwischen 1997 und 2000 veröffentlichte er mit seinem Freund Thomas Niermann vier Niederrhein-Krimis, die im Kreis Wesel spielen. Nach einer Pause von vier Jahren veröffentlichte er erneut einen Niederrhein-Krimi, diesmal gemeinsam mit Renate Wirth, und das so erfolgreich, dass mittlerweile fünf weitere Romane erschienen sind, mit denen der damals gesponnene Stoff Fortsetzungen fand.

Rita Brückner, Westwind-Geschäftsführerin
Thomas Hesse antwortet dem Moderator, Ditmar Gatzmaga

Bevor aber die rund 60 Gäste der Lesung mit dem Autoren vertraut gemacht wurden, durften sie sich am Büfett für das stärken, was vor ihnen lag. Diese Änderung im gewohnten Ablauf der Westwind-Lesungen fand viel Zuspruch. Nachdem der Hunger gestillt und der erste Durst gelöscht waren, eröffnete Rita Brückner den Abend, begrüßte den Autoren und gab dann weiter an Ditmar Gatzmaga, der Thomas Hesse mit einigen Fragen die Gelegenheit bot, sich seinem Publikum vorzustellen.

Das Schreiben im Zweierteam schätzt Thomas Hesse sehr – es kämen eine Menge Ideen zusammen, manchmal so viele, dass selbst ausformulierte später gestrichen werden müssen, weil sie den Fluss der Handlung aufhalten würden. Als Beispiel für ein Produkt der bewährten Zusammenarbeit mit Renate Wirth las er zunächst Szenen aus dem “Schwarzen Schaf”.

Beim sprichwörtlichen “schwarzen Schaf” vom Niederrhein handelt es sich um den Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, zugleich um den Titel eines von ihm1999 ins Leben gerufenen Kabarett-Nachwuchspreises. Insbesondere ein politisch-gesellschaftskritisches Programm wollte er damit fördern. Wer aber in dem gleichnamigen Kriminalroman das schwarze Schaf ist, das erfuhren die Gäste der Lesung selbstverständlich nicht. Aber sie wurden vertraut gemacht mit einem brisanten verkehrspolitischen Projekt in der Region: der Betuwe-Linie.

Die “Betuweroute” ist eine geplante transkontinentale Eisenbahnstrecke, die einmal vom Hafen Rotterdam bis nach Genua reichen soll. Auf niederländischer Seite ist sie seit 2007 hochmodern ausgebaut von Rotterdam bis Zevenaar, dicht vor der deutsch-niederländischen Grenze. In Deutschland soll der Streckenverlauf der historischen folgen, die von Rotterdam ins Ruhrgebiet führte, mitten durch viele Dörfer und Städte. Man hat sich Zeit gelassen, geht nun aber an die Realisierung, gegen die sich vielerorts wütender Widerstand erhebt, trotz der nun selbstverständlich geplanten Lärmschutzmaßnahmen.

Im “Schwarzen Schaf” reicht der Widerstand bis zu Anschlägen gegen das Bahnprojekt. Eine Polizistin und ein Polizist entdecken einen Koffer auf den Bahngleisen. In der Ferne ist bereits der Regionalexpress zu erkennen. Die Zeit ist knapp bemessen, er rennt los, will den Koffer von den Gleisen holen, und ruft seiner Kollegin gleichzeitig zu, den Lokführer zu warnen, wie auch immer. Die Bremsen quietschen bereits laut vernehmbar, aber der Zug schießt dennoch heran – es geht um Sekunden!

Ein Bombenanschlag auf einen Personenzug? Wer geht so weit? Wer steckt dahinter? Im Buch finden Sie Antworten, die Thomas Hesses Zuhörerinnen und Zuhörer direkt am Büchertisch des “Buchladens zur schwankenden Weltkugel” erwerben konnten.

Thomas Hesse reizte nach den vielen in Kooperation geschriebenen Niederrheinkrimis die Idee eines Solo-Projekts. Mit “Blutsgeschwister” liegt das Ergebnis vor. Ein Roman, dessen Dreh- und Angelpunkt der Niederrhein geblieben ist, der sich aber Ausflüge gestattet, zum Beispiel in die Landeshauptstadt Düsseldorf, ins Ruhrgebiet und in die Hauptstadt des Bergischen Landes, nach Wuppertal also. Denn in den Mordfall, der am Anfang steht, sind Kreise aus Wirtschaft und Politik des Landes Nordrhein-Westfalen verwickelt.

Zwischen den Textstellen, die Hesse liest, erfahren seine Zuhörer/innen immer wieder Erhellendes aus der Textwerkstadt, darüber, wie Fäden gesponnen, zu Textpassagen entwickelt und schließlich doch dem Rotstift geopfert werden. Sein lebhafter Vortrag sichert ihm die Aufmerksamkeit bis zum Schluss. Der Abend klingt aus mit vielen Gesprächen, auch mit dem Autor, der währenddessen erworbene Exemplare mit Widmungen und Unterschrift versieht.

Gegen 22:00 Uhr leert sich die WestLounge im Souterrain der “Botschaft des Westens”. Das Westwind-Team kann sich zufrieden auf den Heimweg machen, denn im “Gepäck” konnten es viel Lob mitnehmen.

Konrad Beikircher

Autor, Musiker und Kabarettist aus Bonn; Westwind-Ehrenmitglied!

Wir Rheinländer haben Berlin gegründet. Jetzt wird es Zeit, es zum Leben zu erwecken, denn: ohne Wind ussem Westen lööf in Berlin gar nix!