6. Februar 2017

Der Westwind-Auftakt zum Wahljahr 2017: das sehr persönliche Gespräch mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft am 6. Februar …

Westwind-Vorsitzender Erik Bettermann im Gespräch mit Hannelore Kraft

„Das schaff‘ ich“, war Hannelores Antwort, als ihre Eltern ihr für die Schulwahl Gymnasium zu bedenken gaben, dass sie nicht das Wissen hätten, um ihr beim Unterrichtsstoff dieser Schule zur Seite zu stehen. Es war eine mutige Wahl, bestärkt durch das Vorbild der vier Jahre älteren Schwester, die nach der Grundschule „ganz klassisch“ zur Hauptschule gegangen sei, der Hauptschullehrer habe aber gesagt, eigentlich müsse sie eine Stufe weiter, und nach der Realschule hieß es dann, eigentlich gehöre sie auf das Gymnasium. Mit diesem Vorbild vor Augen habe sie sich entschieden, gleich auf das Gymnasium zu gehen.

Bildung sei wichtig, hätte sie zuhause immer gehört, eine Bildung, die den Eltern in den Kriegsjahren verwehrt war. Ihr Vater war gelernter Schuhmacher, hat dann aber in der Heimatstadt der Familie, in Mülheim / Ruhr, als Verkehrsmeister bei der Straßenbahn gearbeitet und die Mutter als Schaffnerin, weil sie im erlernten Beruf als Einzelhandelsverkäuferin nicht genug verdienen konnte. Später habe sie im Akkord bei Agfa, in der Produktion von Rollfilmen für Fotoapparate gearbeitet.

Da die Eltern im Wechselschichtbetrieb arbeiteten, war die gemeinsame Familienzeit knapp bemessen, aber die Oma hat sich gekümmert. Und Familie wurde ohnehin groß geschrieben, der Vater hatte acht Geschwister und alle hatten Kinder. 36 Cousins, Cousinen und Großcousinen sorgten dafür, dass auf den wöchentlichen Familienfeiern immer eine „große Schar“ zusammenkam. Eine andere Art der Freizeitgestaltung, Kinobesuche etwa, gab es nicht.

Ihr Gymnasium war damals, Anfang der 70er Jahre, immer noch ein Ort, an dem ökonomische Unterschiede hautnah erlebt werden konnten. Von den 40 Schülerinnen und Schülern der 5. Klasse zählten „nur sechs oder sieben zur Arbeiterklasse, aber wir haben eng zusammen gehalten“.

Mit dem Abitur in der Tasche ging es zunächst nicht zum Studium. Jura hätte sie studieren mögen, sich aber nicht getraut, das Risiko sei ihr zu hoch gewesen. Deshalb entschied sie sich für eine Ausbildung zur Bankkauffrau „in einer kleinen Bank  in Mönchengladbach“, sah aber bald, dass einflussreiche Positionen in dieser Branche nur mit einem Studium zu erreichen sein würden. Die naheliegende Lösung war eine Immatrikulation im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Gesamthochschule Duisburg, mit einem Abschluss als Diplom-Ökonomin.

Ihre Schulzeit in einem neusprachlichen Gymnasium zahlte sich aus. Mülheim / Ruhr war Partnerstadt von Tours, inmitten Frankreichs an der Loire gelegen; die Gymnasiastin nahm teil am ersten Schüleraustausch zwischen den beiden Städten. Über die intensiven Kontakte mit der französischen Gastfamilie sei sie Europäerin geworden, erzählt Frau Kraft. Frühe Auslandserfahrungen erwarb sie außerdem während zweier Semester, die sie am renommierten Kings College in London absolvierte.

Das Studium zu finanzieren sei nicht einfach gewesen. Bafög habe sie zunächst nicht erhalten. Als ihr Vater mit nur 50 Jahren an Krebs starb erhielt sie eine Halbwaisenrente, 20 Jahre war sie damals alt. Vor allem aber konnte sie wegen ihrer Ausbildung jobben gehen. Die Hälfte der Zeit während des Studiums ging Hannelore Külzhammer, so hieß sie damals noch, arbeiten, häufig als Sekretariatsvertreterin, dafür lernte sie Stenographie und Schreibmaschine, konnte auch schon früh mit Computern umgehen, konnte sogar Lochkarten herstellen: „Alles, was heute im Museum ist, habe ich damals noch bedient.“

Was Hannelore über ihre erste Liebe erzählte, die sie wieder nach London führte, über ihre Erlebnisse als Handballspielerin, die es in der A-Jugend bis zur Deutschen Meisterschaft brachte, und als Nebenprodukt nach Colombo in Sri Lanka führte, sei hier nicht ausgeführt.

Altweiber 1991 lernte Hannelore ihren Mann kennen: „Mein Mann hat nach einem Tag gewusst, dass ich die Frau seines Lebens bin. Ich habe dafür länger gebraucht, ungefähr eine Woche. Und dann haben wir – willentlich und wissentlich, wie ich immer sage – unseren Sohn gebaut.“ Die standesamtliche Trauung folgte 1992.

Erik Bettermann fragt, warum das Ehepaar viele Jahre später, 2012, ein zweites Mal heiratete, kirchlich diesmal, und warum ausgerechnet in Namibia?

Bei der ersten Heirat, erzählt Frau Kraft, sei man realistisch gewesen, und habe sich vorgenommen: „Wir schaffen 20 Jahre. Dann ist der Junge groß. Wir schaffen es auf jeden Fall, solange zusammen zu bleiben.“  Und dann habe man immer gesagt: „Wenn die 20 Jahre um sind, verhandeln wir noch mal, ob es dann noch weiter geht.“  Nach 18 Jahren habe man die Neuverhandlung aufgenommen. Ihre Bedingung sei die kirchliche Trauung gewesen, die sie beim ersten Mal als Schwangere nicht wollte.

Öffentliche Beachtung für die zweite Trauung, die in Deutschland wegen ihrer politischen Ämter aber schlecht zu vermeiden gewesen wäre, wollte man nicht. Darum fiel die Wahl auf Afrika, auf Namibia, wo man zusammen schon einmal war. Afrika, das sei ein Traum ihres Vaters gewesen, den sie  geerbt habe. In Namibia habe sie sich vom ersten Tag an heimisch gefühlt.

Hannelore Krafts politischen Werdegang kann man sich mit einer kleinen Internetrecherche schnell erschließen. Dennoch möchte sie dazu einiges erklären und geraderücken. Weil ihr Weg zur Ministerpräsidentin sich liest, als stecke dahinter ein ausgefeilter Karriereplan. Sie schildert ihn eher als eine Abfolge von Zufällen und günstigen Gelegenheiten.)

Ab 1989 arbeitete Hannelore Kraft als Beraterin und Projektleiterin beim Zentrum für Innovation und Technik (ZENIT GmbH) in Mülheim, dazu gehörten etliche Brüssel-Termine. In diese Zeit fiel ihr Eintritt in die SPD, der sie sich wegen der SPD-Bildungspolitik nahe fühlte. Als 1994 ein Korruptionsskandal die SPD-Spitze ihrer Heimatstadt stark ausdünnte und ihre Wahlchancen bei der Kommunalwahl kräftig reduzierte, trat sie ein in die Sozialdemokratische Partei. Als Neumitglied erhielt sie ein Anschreiben mit Rückantwortzettel, auf dem man auf einer Liste mit zehn Themenfeldern ankreuzen konnte, wofür man sich bei der Debatte um einen Neustart der örtlichen SPD interessiere.

Neun Kreuze habe sie eingetragen, erzählt Frau Kraft, das habe sie später als Fehler erkannt. Aber mit dem dann gezeigten Engagement startete ihre SPD-Karriere, die den ersten Höhepunkt bei der Nominierung für die Landtagswahl im Jahr 1999 erreichte. Sie setzte sich gegen einen örtlich sehr prominenten Gewerkschafter durch, mit einer „fulminanten Rede“, wie die Mülheimer SPD festhielt. Im Jahr 2000 zog sie in den Landtag ein.

Nur ein Jahr später ernannte Ministerpräsident Wolfgang Clement sie zur Ministerin für  Bundes- und Europaangelegenheiten. Wahrscheinlich, so vermutet sie, weil sie ihm in Arbeitskreisen der SPD-Fraktion mit Standpunkten aufgefallen war, die nicht die seinen waren.  2005 verlor die SPD die Landtagswahlen, das erste Mal seit 39 Jahren wurde ein Christdemokrat Ministerpräsident. Die Stimmung sei gewesen: jetzt sind für viele Jahre die Christdemokraten dran. Als SPD-Fraktionsvorsitzende, also Oppositionsführerin, wurde Hannelore Kraft gewählt. Sie kommentiert das mit der Bemerkung: „Immer dann, wenn es keine Chance gibt, muss eine Frau ran“. Aber es blieb bei nur einer Wahlperiode für CDU und FDP. 2010 wurde Hannelore Kraft die erste Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens.

Das Duo Zuzweit, Katharina Kaschny und Michaela Baltrusch-Reinert

Nach diesem ersten, dem biografischen Teil des Gesprächs, gestaltete das Duo Zuzweit aus Schwerin, Katharina Kaschny, Gitarre, und Michaela Baltrusch-Reinert, Saxophon, eine musikalische Pause. Die beiden Musikerinnen sind dem Westwind-Publikum mittlerweile durch einige Auftritte bekannt, hatten ihr Können auch bereits vor der Begrüßung der Gäste durch den Westwind-Vorsitzenden demonstriert.

Hannelore Kraft fand die Wahl des Duos sehr gelungen: sie spiele selbst Gitarre und habe vor einigen Jahren von ihrem Mann ein Saxophon geschenkt bekommen, weil sie immer davon geschwärmt hätte, dieses Instrument lernen zu wollen. Bisher habe sie dafür aber keine Zeit gefunden.

Das erste Thema nach der Pause war die „Woche des Respekts“, zu der die NRW-Landesregierung Ende November 2016 aufgerufen hatte, um ein „ Zeichen gegen Hass und Gewalt, für ein friedliches Zusammenleben und mehr Wertschätzung im Umgang miteinander“ zu setzen (https://www.respekt.nrw/). „Ich habe das Gefühl, dass in der Gesellschaft etwas verrutscht“, erklärte Hannelore Kraft. Sie sei mit Polizisten im Streifenwagen nachts in Essen unterwegs gewesen und habe erlebt, dass der Respekt weg sei. Auch Rettungskräfte würden angegriffen, auch Ehrenamtler, die Gemeinwohlaufgaben übernommen hätten. Der Tonfall im gesellschaftlichen Diskurs werde rauer. Das sehe man auch, wenn man ins Netz schaue. Deshalb habe man sich zu dieser Aktion entschlossen: „Politik ist nicht nur dazu da, Gesetze zu verändern, sondern auch dafür, Themen auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen und Diskussionen anzuregen.“

Die Woche des Respekts sei bewusst breit angelegt und werde jetzt auch jährlich stattfinden. Die Kirchen hätten sich beteiligt, die Gewerkschaften, viele gesellschaftliche Gruppen, auch Schulen! Es gab einen Schulwettbewerb, die Schulen sollten mit einem kleinen Video beantworten, was für sie Respekt heiße. Rund zweihundertfünfzig Schulen hätten sich beteiligt. Für die Aktion habe man einen Hashtag hinterlegt, „Hut ab“ habe der geheißen, über diesen Hashtag habe man 13 Millionen Menschen erreicht. „Hier haben wir einen Nerv getroffen“!

Mit Blick auf das Internet ergänzt Hannelore Kraft: „Man muss immer wieder klar sagen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist, eine Beleidigung im Internet ist eine Beleidigung. Deshalb bringe ich jede zur Anzeige.“ Seit sie dies öffentlich geäußert habe, habe sie dazu allerdings nur noch selten Anlass.

„Kein Kind zurücklassen“ – Im Jahr 2012 startete die NRW-Landesregierung das Modellvorhaben, in 18 Kommunen Angebote der Bereiche Gesundheit, Bildung, Kinder- und Jugendhilfe und Soziales miteinander zu verknüpfen, um Kinder und ihre Familien zu unterstützen. Wenn man das Land nach vorne bringen wolle, müsse man sich finanzielle Spielräume verschaffen. Wo aber habe man häufig zuerst gespart? Bei den Sozialausgaben. Um später feststellen zu müssen, dass diese dadurch an anderer Stelle gewaltig gestiegen seien. Die „Reparaturkosten“ habe man durch ein seriöses Forschungsinstitut ermitteln lassen, sie lägen für NRW bei 23 Mrd. Euro! Das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ sei der Versuch, Familien und Kinder so zu unterstützen und zu fördern, dass diese Kosten gar nicht erst entstehen. Das erfordere eine durchgreifende Veränderung der Arbeitsstrukturen auf kommunaler Ebene. Angestrebt werde, dass sich seitens der Kommune nur eine  Person um die hilfsbedürftige Familie kümmere, und diese nicht stattdessen in fünf oder sechs Ämtern vorstellig werden müsse.

Die Ergebnisse in den Modellkommunen belegten, dass dies der richtige Weg sei: Der Sprachförderungsbedarf bei den Kindern sei gesunken, die Übergänge in die Schulen habe im Schnitt besser geklappt, viel seltener habe man Kinder aus ihren Familien herausholen müssen. Das Projekt wirke und spare jetzt schon Geld. Im nächsten Schritt sei eine Ausdehnung auf 40 Kommunen geplant. Hannelore Kraft „Andere bauen Musikpaläste oder Flughäfen, wir  haben uns stattdessen ein langfristiges, strukturverbesserndes Projekt vorgenommen.“ Bei der Ausweitung habe sich gezeigt, dass CDU-Landräte und –Oberbürgermeister zu den größten Verfechtern des Projekts zählen. Es bleibe richtig, Ursachen zu bekämpfen statt hinterher zu reparieren.

Mit dem Dankeschön an den Talkgast und einem Dank an die beiden Musikerinnen schließt Erik Bettermann das Gespräch. Festhalten möchten wir hier aber auch die Schlussbemerkung der Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen:

„Ich bin dankbar für alle, die hier mitmachen beim Westwind, weil das ja auch zeigt, wie sehr man diesem Land verbunden ist, auch wenn man nicht mehr in Nordrhein-Westfalen lebt. Das finde ich großartig. Und wir brauchen Sie, wir brauchen Sie alle als unsere Botschafter.“

von links: Norbert Neß, Evonik-Industries, Westwind-Vorstand; Sr. Ansgar Tietmeyer, Deutsche Bank; Erik Bettermann, Westwind-Vorsitzender; Volker Meier, Bevollmächtigter des Landes beim Bund, Leiter der NRW-Vertretung in Berlin
Andrea Tillmann und Bernd Schmidt
Andrea Marsch-Eschweiler und Wolfgang Weil
Henning Gehrmann
von links: Michael Dauskardt, Karl Bollmann, Jörg Rommerskirchen

Hans Henner Becker

Deutscher Bundestag, wiss. Dienst; Autor von Tango-Theaterstücken, Chef der „Tangonale“

WESTWIND ist für mich ein Brückenschlag zwischen der alten Heimat Düsseldorf und der neuen Heimat Berlin.