28. Juni 2016

Rio 2016! Am 5. August werden in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele eröffnet. Und einen Monat später, am 7. September 2016, am selben Ort die Paralympics.

Was also lag näher, als für den dritten Termin unserer Talkreihe Ende Juni einen Mann zum Gespräch zu bitten, der aus Bergneustadt im Bergischen Land stammt, vier Jahre lang den Vorsitz im Sportausschuss des Bundestages innehatte und heute …

von links: Friedhelm Julius Beucher, Erik Bettermann, Klaus Wedemeier

…Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) und des Nationalen Paralympischen Komitees ist, und zwar ehrenamtlich!

Das versteht sich nicht von alleine, erklärte Beucher. Der neugewählte Präsident des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel, erhalte 164.000,- Euro: „Das ist kein Ehrenamt, das ist eine Lohnersatzleistung“. Die Vorstandsmitglieder des DBS erhielten eine Aufwandsentschädigung von 500,- Euro. Ebenfalls jährlich, betonte Beucher. – Aber mal der Reihe nach:

Zu den ersten Gästen die eintrafen und vom Westwind-Vorsitzenden persönlich begrüßt werden konnten, zählten sein Interviewpartner Friedhelm Julius Beucher und Klaus Wedemeier, ehemals Bürgermeister und Präsident des Senats von Bremen, heute ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins „Weserbrücke e.V.“ Dieses Hauptstadtnetzwerk wurde für die „Buitenbremer“ in der Bundeshauptstadt gegründet, in Idee und Konzept inspiriert durch das Vorbild des Westwind e.V. Etwas verspätet, auf Rücksichtnahme auf spät eintreffende Gäste, erklang der Gong, der dazu aufforderte, die Plätze im Europasaal der „Botschaft des Westens“ einzunehmen.

Ricarda Gnauck
Gabriele Weber, Westwind-Schatzmeisterin, und Rita Brückner Vorstandsmitglied und Westwind-Geschäftsführerin
links: Volker Meier, Bevollmächtigter des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund und Leiter der Berliner NRW-Vertretung

Zur Einstimmung spielte die Berliner Pianistin Ricarda Gnauck eine Etüde von Frederic Chopin. Vor dem Start des Gesprächs wurden auf die Leinwand über der Bühne kurze Videoszenen projiziert, die Beucher in Aktion zeigten, und zwar in einer Schar von Personen, die sich mit ihm bemühten, auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt einen Maibaum aufzurichten. Mit Erfolg, wie man sehen konnte. Leider wurde allerdings der Baum in der folgenden Nacht gestohlen.

In Form knapper Stichworte hatte die Einladung ein Gerüst von wichtigen biografischen Daten zur Person Friedhelm Julius Beucher geliefert. Wir wussten, dass er als Bundestagsabgeordnete den Vorsitz im Sportausschuss innehatte. Sein Interesse am Sport reicht aber viel weiter zurück: als Sechzehnjähriger lief er die 1000 Meter in 2:38,3 Minuten! Beucher: „Harald Norporth lief die damals in 2:28 Minuten.“ Harald Norport  war in den 60-er Jahren als Mittel- und Langstreckenläufer vielfacher deutscher Meister.

Beucher lief damals für seinen Verein, dem TV 1880 Bergneustadt, in der 3 x 1000 m Staffel mit. Die Staffel errecihte hinter Bergisch-Gladbach den 2. Platz und damit die Qualifikation für die Deutsche Jugendmeisterschaft.

Seit mehr als 30 Jahren ist Beucher Vorsitzender des „Vereins für soziale Dienste“ in Bergneustadt. Die Frage nach den Wurzeln dieses Engagements führte zurück zum Anfang der 80-er Jahre: Damals war Beucher Rektor der fünfzügigen Gemeinschaftsgrundschule Bergneustadt- Hackenberg, einer Schule mit 65 Prozent Ausländeranteil, wie man damals noch zu sagen pflegte. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region war hoch, berichtete Beucher. Deshalb gründete er gemeinsam mit den Sportvereinsvorsitzenden und dem Pastor den „Verein der Freunde und Förderer des Jugendzentrum Hackenberg“, mit dem Ziel, den jungen Menschen ein eigenes Haus zu sichern. Um ihnen dann aber auch zu einer Beschäftigung zu verhelfen, wurde 1983 zusätzlich der „Verein für soziale Dienste e.V.“ gegründet.

Seither hat dieser Verein 6.000 Menschen aus der Region den Weg in ein Beschäftigungsverhältnis geebnet. Heute ist er außerdem Träger eines Jugendzeltplatzes, einer offenen Ganztagsschule und mehrerer Kindertagesstätten. Beucher erzählt, dass er den Vorsitz des Vereins bereits 1990 abgeben wollte. Es aber nicht vermochte, weil die anderen Vorstandsmitglieder mit der Erwiderung reagierten, „wenn Du aufhörst, hören wir auch auf“. Das habe sich seitdem einige Male wiederholt.

1990 kandidierte Beucher erstmals für den Bundestag – und wurde Abgeordneter über die Landesliste. Sein Kontrahend war Horst Waffenschmidt, CDU, direkt gewähltes Mitglied des Bundestages seit 1972, außerdem seit 1982 Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium. Die Bundestagswahlen waren für ihn und seine Partei ein Heimspiel. Aber zuhause in diesem Wahlkreis war auch Friedhelm Julius Beucher. Sein Einsatz vor Ort zahlte sich bei den Wahlen 1998, als Waffenschmied nicht mehr antrat, aus. Im Oberbergischen Kreis sei er eben, so Bettermann, „bekannt gewesen wie ein bunter Hund“. Beucher gewann den Wahlkreis direkt.

Ein wesentlicher Teil seiner Arbeitszeit im Bundestag war der Mitwirkung in Untersuchungsausschüssen gewidmet:  Er war Obmann seiner Fraktion im Treuhand-Untersuchungsausschuss, in dem es um Betrugsfälle und Veruntreuungen bei der Treuhandanstalt ging; und in der Wahlperiode1994 – 1998 im Untersuchungsausschuss „DDR-Vermögen“. Es ging um Betrug in großem Maßstab, um zwielichtige Personen und zwielichtige Geschäfte. Beucher weist hier auf eine Vielzahl von Fällen der Wirtschaftskriminalität hin und auch auf eine große Zahl von Betrugsanzeigen gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Treuhandanstalt selbst.

Mit den Wahlen von 2002 endete Beuchers Mandat im Bundestag, „da bin ich rausgeflogen“, wie er lakonisch bestätigt. Er arbeitete danach wieder als Rektor im Schuldienst. 2009 schließlich wurde er zum Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbands gewählt. Seither geht es ihm um die „Gleichheit von Menschen mit und ohne Behinderung“.

Tondokument 1:

In seiner Neujahrsbotschaft 2016 zum Behindertensport heißt es bei Beucher: „Ich wünsche mir – und das ist unsere Hauptaufgabe als Deutscher Behindertensportverband – dass wir für eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung am Alltagsleben arbeiten und damit auch am Sportleben.“ Das, resümiert Erik Bettermann, sei eine gute Beschreibung von dem, was wir heute Inklusion nennen.

Ricarda Gnauck stellt die ausgewählten Musikstücke vor, den Raum zwischen den beiden Interviewteilen füllt sich mit einer Prelude von S. Rachmaninow

Angesichts der Skandale in den großen internationalen Sportverbänden, in denen Millionengelder verschoben wurden, sei es kein Wunder, kritisiert Beucher, dass es in Deutschland zuletzt nicht mehr möglich war, die Zustimmung der Bevölkerung für solche Großereignisse zu gewinnen. Für die Olympiabewerbung der Stadt Hamburg habe er sich eingesetzt, weil das Spiele der kurzen Wege geworden wären, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit Kiel für die Segelwettbewerbe. Auch Rostock und Berlin, die ebenfalls beteiligt gewesen wären, bezieht er dabei ein.  Die olympischen Winterspiele 2018 werden in Südkorea, in  Pyeongchang, stattfinden. Für eine schnelle Autobahnanbindung der Wettkampfstätten würden dort 95 ha Gebirgswald abgeholzt. Das werde auch unserer Klimabilanz weh tun! Für die Vergabeentscheidung halte er das nicht für ein weiches, sondern für eine hartes Kriterium.  

Ein gutes Gegenbeispiel ist seiner Ansicht nach der Olympiapark, der in München für die Sommerspiele 1972 gebaut wurde und bis heute jeden Tag tausende von Besuchern zähle; außerdem habe er der Landeshauptstadt die U-Bahn beschert.

Beim Ausblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro gibt es – wie alle wissen – nicht nur positives zu berichten. Beucher erinnert aber daran, dass dies bei der Vergabe der Spiele für 2016 noch anders aussah: „Brasilien war Boomtown als die Entscheidung fiel“. Jetzt sehe alles viel problematischer aus, viele Hotels seien nicht fertiggestellt. Unter Umweltgesichtspunkten gebe es erhebliche Mängel. Zum Beispiel verfüge die Stadt nicht über ein durchgehendes Abwassersystem, bei Regen würde der Schmutz in die Bucht gespült, in der die Segelwettbewerbe, aber auch einige Schwimmwettbewerbe ausgetragen würden.

Tondokument 2:

Der Deutsche Behindertensportverband repräsentiere rund 650.000 Mitglieder und sei damit im Konzert der 62 Spitzenverbände des deutschen Sports der neuntgrößte Verband. Die DBS-Vereine bieten Breitensport, Rehasport und Präventionssport an. Insgesamt zähle man im Verband knapp unter 1.000 Top-Leistungs- und Nachwuchssportler. Die Kaderathleten würden an den Olympiastützpunkten oder an paralympischen Trainingsstützpunkten betreut.

Friedhelm Julius Beucher beantwortete im Anschluss noch einige Fragen aus dem Publikum. Den Übergang zum Empfang gestaltete Ricarda Gnauck mit einer Chopin-Etüde. Erik Bettermann bedankte sich bei seinem Gast und richtete ein besonderes Dankeschön an die Ralf Bohle GmbH, die mit einem Informationstisch vertreten war und als Sponsoringpartner den abschließenden Empfang ermöglicht hatte.

Tim Arnold

The Boston-Consulting Group, Köln; 2006 – 2010 Leiter der NRW-Vertretung in Berlin, zählte zum Gründungsteam des Westwind e.V.!

Meine Westwind-Mitgliedschaft ist Ehrensache: Wir Nordrhein-Westfalen in Berlin halten zusammen.