23. Februar 2016

Nach einem Krieg in einem zerstörten Land überleben, das ist eine deutsche Erfahrung! Die Ausstellung basiert auf Interviews mit 40 Frauen aus Ostwestfalen-Lippe, mit Vertreterinnen einer Generation, die nach dem Ende des 2. Weltkrieges ihr Überleben und das ihrer Familien organisieren mussten. Im Mittelpunkt standen die Geschichten, die die drei Zeitzeuginnen ihrem Publikum nahebringen wollten. Eingeführt wurde die Ausstellungseröffnung durch die Bielefelder Bundestagsabgeordnete Britta Hasselmann.

von links Ilse Finkeldey, Irmgard Glöckner, Lucie Göhlsdorf, Britta Hasselmann

Die Eröffnung der Ausstellung “40 Frauen – Das Überleben organisieren” lebte von der intensiven Atmosphäre, die die vier “Hauptdarstellerinnen” zu schaffen wussten. Zuerst war es Britta Hasselmann, Bundestagsabgeordnete in Bielefeld, der Stadt, aus der die Ausstellung stammt. Ihre Wurzeln liegen am Niederrhein, geboren ist sie in dem Städtchen Straelen (nicht mit “ü” gesprochen, sondern einem doppelten “aa”, denn das “e” ist ein “Dehnungs-E”). Zur Politik aber fand sie durch das Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule Bielefeld, durch die sozialen und Stadtteilprojekte, in denen sie sich engagierte. Ihre Zuwendung zu den Mitmenschen war herauszuhören, war später spür- und sichtbar an der Weise, wie sie den Erzählungen der drei Zeitzeuginnen lauschte. Frau Hasselmann zeigte sich gut vorbereitet, den Text- und Fotoband zur Ausstellung hatte sie offenbar gründlich gelesen.

Die Zeitzeuginnen brachten ganz unterschiedliche Geschichten mit, Erlebnisse aus den Kriegs- und vor allem Nachkriegsjahren, die Ihnen so wichtig waren, dass sie diese erzählen wollten – und die sie ausnahmslos druckreif vortrugen.

Ilse Finkeldey

Frau Finkeldeys Familie führte ein Textilgeschäft und war gewerblich tätig, stellte Posamente her, Kordeln und Quasten, verfügte außerdem über eine Maschinenstrickerei und eine Bandweberei. Der Betrieb wurde bei einem Bombenangriff auf Minden Ende März 1945 zerstört. Personen kamen aber nicht zu Schaden, weder die 16-köpfige Familie, noch Betriebsangehörige. Sie mussten anderswo Unterschlupf suchen und fanden schließlich eine passend große Wohnung.

Irmgard Glöckner
Lucie Göhlsdorf

Irmgard Glöckner war befreundet mit einer Jüdin, die sie schon zu Schulzeiten in Lemgo kennen gelernt hatte. Deshalb ging es ihr nahe, als sie nach Kriegsende erfuhr, dass das Karla bis auf eine Großmutter alle Familienangehörigen verloren hatte. Sie waren in Konzentrationslagern umgebracht worden. Karla war zunächst nach Lemgo zurückgekehrt, wurde wegen ihrer TBC-Behandlung aber zur Kur in die Schweiz geschickt. Dort lernte sie Szmuel Raveh kennen, den sie in Lemgo heiratete – und schließlich mit ihm nach Israel auswanderte. – Die Gesamtschule des Kreises Lippe trägt den Namen Karla-Raveh-Gesamtschule.

Lucie Göhlsdorf ist Jahrgang 1928, sie war 16 Jahre, als der Krieg zu Ende war. Britische und amerikanische Soldaten zählten von da an zum Alltag in Gütersloh. Frau Göhlsdorf wurde von ihnen regelrecht belagert, sie standen vor dem Wohnhaus und riefen nach “Nazi-Lucie”, um mit ihr etwas zu unternehmen. Lucie blieb standhaft. Und legt Wert darauf, dass sie nie Übergriffe erlebt habe. 1946 habe sie sich dann den ersten besten Mann gegriffen, “Betonung auf den besten”, und ein Jahr später sei das erste Kind dagewesen, das erste von Vieren.

Lucie Göhlsdorf ist Jahrgang 1928, sie war 16 Jahre, als der Krieg zu Ende war. Britische und amerikanische Soldaten zählten von da an zum Alltag in Gütersloh. Frau Göhlsdorf wurde von ihnen regelrecht belagert, sie standen vor dem Wohnhaus und riefen nach “Nazi-Lucie”, um mit ihr etwas zu unternehmen. Sie habe erst gar nicht begriffen, was mit dem Kurzwort “Nazi” gemeint war – denn diese Bezeichnung hatte sie vorher noch nie gehört! Lucie fühlte sich nicht beleidigt - und blieb dem eifrigen Werben gegenüber standhaft. Sie erzählt, dass sie nie Übergriffe erlebt habe. 1946 habe sie sich dann den ersten besten Mann gegriffen, “Betonung auf den besten”, und ein Jahr später sei das erste Kind dagewesen, das erste von Vieren.

von links: Gabriele Fröhler, Claudia El-Sauaf Harmuth

Gabriele Fröhler und Claudia El-Sauaf-Harmuth komplettieren den Kreis der Hauptpersonen: Sie sind in Personalunion die Geschäftsführung des Literaturzirkels OWL e.V., und sie sind die Projektleitung: Frau Fröhler hatte die Idee, gemeinsam haben sie die Ausstellung auf die Beine gestellt und dann auf Tournee geschickt. Mit erheblichem persönlichen Einsatz, von der Planung des Berlin-Termins bis zum Transport und Aufbau der Exponate.

Mit dem Dank der Berliner Veranstalter an den Literaturzirkel OWL e.V. wurde die Ausstellung eröffnet. Zur Stärkung gab es dann außerdem einige Leckereien aus der zu Recht gerühmten Küche der “Botschaft des Westens”, darunter als Hauptgericht ein vorzüglicher westfälischer Pfefferpotthast.

Die Ausstellung in der Berliner NRW-Vertretung ist noch bis zum 24. März zu sehen, montags bis freitags von 9:00 bis 16:00 Uhr. Und zu hören: denn neben den Fotos und Texten auf den Aufstellern sowie den Exponaten in den Vitrinen bietet sie auch einen Film und Tondokumente, die per Kopfhörer angeboten werden.

Hans Henner Becker

Deutscher Bundestag, wiss. Dienst; Autor von Tango-Theaterstücken, Chef der „Tangonale“

WESTWIND ist für mich ein Brückenschlag zwischen der alten Heimat Düsseldorf und der neuen Heimat Berlin.