24. Mai 2016

Eine Wanderung durch 200 Jahre gemeinsamer Geschichte, der Geschichte der Preußen im Rheinland und in Westfalen, und der Geschichte Deutschlands: das bot für den Westwind e.V. das Team von muventa international network auf der Bühne der “Botschaft des Westens” in Berlin. Lassen Sie sich mitnehmen auf einen Streifzug durch das Programm von “Unter Preußens Zepter”.

von links: Vera Claus, Piano; Claudia Lahmann, Gesang; Yvonne Sophie, Gesang; Michael Dauskardt, muventa international; Manfred Eisner, Lesung; Erik Bettermann, Westwind-Vorsitzender.

Anderthalb Stunden Programm von Feinsten, Start bei Tageslicht und Schluss mit dem Dankeschön des Westwind-Vorsitzenden gut zwei Stunden später – denn zwischen den beiden Programmteilen gab es eine Pause. Wir alle, die wir dabei waren, waren dafür dankbar. Uns wurden heitere Lieder und Geschichten geboten, aber gar Manches auch, was uns informierte, nachdenken ließ und ergriff. Besser lässt sich darüber nicht berichten, als mit Textauszügen, sowie mit Strophen aus den Gedichten die vorgelesen und Liedern die vorgetragen wurden. Nicht zu vergessen: die Beiträge von Vera Claus am Bechstein-Flügel: selbst arrangierte musikalische Kostbarkeiten von einzigartiger Dynamik und Ausdrucksstärke.

Lesung:

Der Wiener Kongress fand zwischen September 1814 und Juni 1815 im Wiener Palais am Ballhausplatz statt. Nachdem Napoleon Bonaparte im Frühling 1814 erfolgreich zu Sturz gebracht wurde und seine Verbannung ins Exil beschlossen war, verkündeten die Staatsoberhäupter Mitteleuropas in Paris (Pariser Frieden) das Ende des Krieges.

Das zentrale Ergebnis des Wiener Kongresses bestand darin, dass die europäische Landkarte komplett neu gezeichnet wurde. Preußen wurde immens vergrößert und erhielt den Norden Sachsens, die Rheinprovinz, Westfalen, Neuvorpommern sowie Posen.

Die Teilnehmer des Wiener Kongresses unterschätzten bei ihren Entschlüssen die Macht des Volkes. Durch Napoleon war in den Einwohnern Europas Nationalbewusstsein, revolutionäres und liberales Denken erwacht und die Rückkehr zu den alten Strukturen passte sehr vielen Menschen nicht - der Wiener Kongress hatte schließlich keine Rücksicht auf Volkszugehörigkeit, Sprachen oder ähnliches genommen und Grenzen teils willkürlich gezogen.

Die Rheinprovinz zu Preußen! Fröhlicher Katholizismus zu pietistischem Protestantismus. “Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin”, singt der Kabarettist Jürgen Becker aus ganzem Herzen. Diese rheinische Grundbefindlichkeit herrschte auch vor 200 Jahren, als die Rheinlande dem protestantisch geprägten Preußen zugeschlagen wurden.

Preußen unterschätzte die Beharrlichkeit der Rheinländer, die Bewahrung ihres rheinisch-französischen Partikularrechts zu erzwingen. Nur 20 Jahre hatten der dortigen bürgerlich-liberalen Klasse offenbar genügt, die Vorzüge des modernen französischen Rechts schätzen zu lernen.

Ein beliebtes Mittel gegen die preußische Spröde waren Spott und Satire, etwa im Kölner Karneval, der sich in diesen Jahre entwickelte. Die Bevölkerung hatte für die neuen Machthaber Spottverse wie diesen parat: "Rote Kragen, nix im Magen, goldne Tressen, nix zu fressen".

Die tief verwurzelte Skepsis gegen Preußen, fasste Konrad Adenauer einmal in einem kurzen Zitat zusammen: “Wer Berlin zur neuen Hauptstadt macht, schafft geistig ein neues Preußen”

Zwischen Bismarcks Ernennung zum Ministerpräsidenten von Preußen 1862 und seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt 1890 verließen nahezu drei Millionen Deutsche ihr Land. Viele von ihnen gingen in die Vereinigten Staaten. Zu diesen Auswanderern zählten landhungrige Bauern und Arbeiter aus ländlichen Verhältnissen sowie Kleinhandwerker und Händler, die sich einen Neubeginn erhofften. Oft war es aber auch die blanke Not, Hunger, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die Menschen bewog, auf einem Seelenverkäufer unter menschenunwürdigen Bedingungen - gegen teures Geld! - ihr Heil in Amerika und anderen Ländern zu suchen. Erst Mitte der 1890er Jahre begann die Auswanderungswelle abzuebben.

Hungerlied
Verehrter Herr und König,
Kennst du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
 
Und am Mittwoch mussten wir darben
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
 
Drum lass am Samstag backen
Das Brot fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
Georg Weerth

Die Restaurationspolitik und Verarmungsprozesse führten immer wieder zu Unruhen, Aufständen und Revolten. Wie ein Funke im Pulverfass wirkte in vielen europäischen Staaten, so auch in deutschen Fürstentümern und im Königreich Preußen, die französische Februarrevolution von 1848, die die Herrschaft des Königs beendet und zur Ausrufung der Zweiten Französischen Republik geführt hatte.

Liberale Politiker, u. a. auch aus dem Rheinland und Westfalen, stellten öffentlich Forderungen wie die nach einer konstitutionellen Verfassung, Pressefreiheit und unabhängigen Schwurgerichten. Bei einer Gemeinderatssitzung Anfang März 1848 in Köln übergab der Arzt Andreas Gottschalk die “Kölner Petition" mit Forderung der Gesetzgebung und Verwaltung durch das Volk, Schutz der Arbeit und Sicherheit der Lebensbedürfnisse. Der Protest von Arbeitern und Handwerkern in Aachen, Trier, Elberfeld, Düsseldorf, Solingen und Krefeld gegen Fabrikarbeit, Maschinisierung und Lohndrückerei sollte gebündelt werden, aber viele Berufszweige blieben passiv. Es kam nicht zum großen Schichten übergreifenden Aufstand gegen die Regierung oder gar Umsturz. Die Enttäuschung und die Hoffnungslosigkeit beflügelten die Auswanderung.

Musiktitel:

Ausschnitt aus "Die Auswanderer" von Johannes Brassel (1848-1916)

Das Vaterland, ach, so fruchtbar und schön,
Mit Trauben und Feigen auf schimmernden Höhn;
Mit Lorbeern und gold'nen Granaten,
Es hatte kein Brot für das eigene Kind;
Kein Sonnenblick milderte süß und lind
Der Sorgen schwerlastende Schatten.

So sitzen sie da. Ihr Hab und Gut
In bunten, zerrissenen Bündeln ruht,
Ihr Herz, wie die Kleider, zerrissen. —
Ein Mädchen sitzt auf der Mutter Schoß
Und lächelt; ihm blieb ja ein schönes Los:
Die Mutter, die Puppe, ein Bissen. —

Jetzt steigen sie ein. Der riesige Raum
Des frachtschweren Schiffes, er fasset kaum
Den Schwarm der darbenden Armen,
Die früher gearbeitet, Sklaven gleich,
Auf fremdem Boden im eigenen Reich,
Im Reich ohne Brot und Erbarmen.

Und sinnend, vom südlichen Himmel umblaut,
Mein Aug' nach dem Lande der Kindheit schaut,
An das mich die Liebe gekettet.
Und leise schleichet die Frage heran:
Was hast du träumender, alternder Mann
Aus deiner Jugend gerettet? —

Lesung:

Ganze Landstriche waren entvölkert, wie etwa die Eifel, deren karge Böden die Menschen nicht ernähren konnten.

Erst ein von der preußischen Forstverwaltung initiiertes Aufforstungsprogramm mit Fichten, den Preußenbäumen, oder den “Prüssebööm”, schufen die wirtschaftliche Grundlage, um die Auswanderung zu stoppen.

Davon singt das Eifellied:

Glaubt ihr noch der alten Rede
Welche unsrer Eifel galt
Daß sie kahl sei, dürr und öde
ein trübsel ´ger Aufenthalt ?

Kommt nur alle, lernt sie kennen
Lernt sie schätzen nach Gebühr!
Dann wird jeder kühn sie nennen
Unsres Rheinlands Stolz und Zier

Die seit den 1850er Jahren einsetzende Industrialisierung des Ruhrgebiets sorgte andererseits durch Zuwanderung von Arbeitern für ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum in eher kleinen Orten wie z. B. Oberhausen und Gelsenkirchen.

(Wir springen nun in das Jahr 1933!)

Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur um sein Überleben zu kämpfen. In der Zeit des Dritten Reiches wurde er mehrmals von der Gestapo verhaftet und unter Aufsicht gestellt. Seit 1933 hatte sich Adenauer aus der Öffentlichkeit vollkommen zurückgezogen und lebte sozusagen in innerer Immigration. Kontakte unterhielt er nur zu wenigen Personen. Anschluss an Widerstandsgruppen gegen das Hitler-Regime lehnte er ab. In die Widerstandskraft des Militärs hatte er wenig Vertrauen. Zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im 3. Reich sind von ihm keine Stellungnahmen bekannt.

Der Film: “Ein Lied geht um die Welt”, dem das Lied seinen Titel gab, hatte seine Uraufführung am 9. Mai 1933 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin, die von 3000 Besuchern begeistert gefeiert wurde – übrigens am Vorabend der Bücherverbrennung. Unter den Premierengästen war auch Joseph Goebbels, der Schmidt verehrte und deshalb eigentlich zum "Ehrenarier" ernennen wollte.

"Was wir wollen (und erreichen werden!), sieht wahrlich anders aus", schreibt der Völkische Beobachter: "Das Lied, das heute durch Deutschland klingt, hat anderen Rhythmus, hat schärferen Marschtritt, hat aufpeitschendere Melodien, kommt aus ehrlicherem Herzen als das, was wir in dem Film hörten. Der Marschtritt eines Millionenvolkes hat nichts mit dem zu tun, was uns ein Volksfremder vortäuschen will! Möge dieses Lied um die Welt gehen, es wird übertönt werden vom Lied der nationalen Revolution ."

(Und springen dann in die Zeit nach der Wiedervereinigung!)

“Wir sind jetzt in der Situation, wo wieder zusammenwächst, was zusammengehört”, formulierte Willy Brandt und er ergänzte: “Abgeschlossen ist der Prozess des Zusammenwachsens erst, wenn wir nicht mehr wissen, wer die neuen und wer die alten Bundesbürger sind”. Und er mahnt: “Wenn der Zug der deutschen Einheit rollt, dann kommt es darauf an, dass wenn's irgend geht dabei niemand unter die Räder kommt."

Bundespräsident Johannes Rau zur Wiedervereinigung: "Die Ostdeutschen haben sich die Freiheit erkämpft - mit Kerzen und Gebeten, mit Mut und Friedfertigkeit gegen ein waffenstarres Regime. Wir sind (aber auch) vielen der Völker verpflichtet, die uns auf dem Weg zur Erlangung der Einheit Deutschlands geholfen haben. Unvergessen bleibt für uns, dass die friedliche Revolution Europas ihren Anfang in Polen genommen hat."

Und Margot Käßmann, damals Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers in Hannover: "Wir müssen nicht in dieses elende, unwürdige Gezänk einstimmen: Ist es meine Einheit oder deine. ... Ein vereintes Deutschland, in dem Rassismus und Antisemitismus Raum finden, tritt das Geschenk der Einheit mit Füßen."

Die zwischen den Lesungstexten vorgetragen Lieder und Musikstücke haben wir hier nicht eingefügt. Unbekanntes zählte dazu, aber es waren auch Titel zu hören wie “Ein Lied geht um die Welt”, auch “Das gibt's nur einmal” und aus der Nachkriegszeit “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien”, das noch heute einen Stammplatz im rheinischen Karneval hat.

Die von Manfred Eisner vorgetragenen Texte stammen allesamt aus der Feder unseres Mitglieds Michael Dauskardt.

Petra-Sabine Ullrich

Tätig für die CDH e.V. – Der Verband für Vertriebsprofis

Ich bin gerne im Verein Westwind. Es ist immer wieder schön, ab und an Heimatgefühle vermittelt zu bekommen und Kölsche Töne zu hören. Die regelmäßigen Stammtische sind stets eine Bereicherung. Schnell ist man in Kontakt mit sympathischen Menschen, die alle eines verbindet: die Liebe zu NRW.