21. November 2016

Außergewöhnlich war wenigstens zweierlei an dem Talk mit Dr. Klaus Engel: die ungewöhnliche Offenheit mit der er die Stationen seiner beruflichen Karriere schilderte, und die unverblümte Deutlichkeit, mit der er zu politischen Fragen Stellung nahm. Das Gespräch startete…

Klaus Engel, Erik Bettermann

Das Gespräch startete mit Fragen und Antworten zur Biografie des Gastes, des Vorstandsvorsitzenden des weltweit aufgestellten Chemiekonzerns Evonik Industries AG mit Zentrale in Essen, mitten im Ruhrgebiet. Es verdient Erwähnung, dass Dr. Klaus Engel eigens für den Abend unter dem Motto “NRW ganz persönlich”, einer gemeinsamen Veranstaltung der “Botschaft des Westens” und des NRW-Hauptstadtnetzwerkes Westwind e.V. angereist war.

Auf die Frage nach seinem Elternhaus erzählte er, dass er sich als Manager einmal der Begutachtung durch ein Assessment-Center zu stellen hatte. Im Gutachten habe gestanden “Herr Engel macht den Eindruck eines Emporkömmlings”. Das habe ihn geärgert. Und er habe sich gefragt, ob das als gut oder schlecht auszulegen sei. Sein Vater, ja, der habe sich hocharbeiten müssen, war Sicherheitsingenieur und habe sich später selbstständig gemacht. Seine Mutter sei Verkäuferin gewesen. Die Eltern hätten den Wunsch gehabt, dass der Sohn es mal besser haben sollte und sich um seine Zulassung zum Gymnasium bemüht. Als dann aber blaue Briefe kamen, hätten die Eltern ihm knallhart gesagt: “Wenn Du das nicht packst mit dem Abitur, musst Du halt selber sehen, wie Du klarkommst.” Teure Nachhilfestunden und Englandfahrten zum Beispiel habe es nicht gegeben.

So habe er sich bis zum Abitur und zum Studium “durchgewurstelt”. Und sich keine Sekunde lang den Kopf gemacht hinsichtlich eines späteren Jobs. Immerhin, den Grundstein für sein späteres Interesse an der Chemie habe ein Chemielehrer gelegt, der ihn wahnsinnig begeistert habe. Andere Lehrer waren weniger erfolgreich, Französisch oder Mathematik hätte er keinesfalls studieren wollen.

Ob zu seinen Hobbies damals schon der Fußball gezählt habe? Also, das Einschießen von Fensterscheiben und Spiel vor Garagenhöfen, mit einer gehörigen Lautstärke, bis jemand das Fenster öffnet und “nicht so laut” brüllt, das gehöre zur Jugend im Ruhrgebiet einfach dazu. Ohne Ende habe er Fußball gespielt und sich dabei auf den Ascheplätzen die Knie und Waden ramponiert.

Für Dr. Engels Studienortwahl spielte eine bedeutende Rolle, dass seine Eltern entschieden hatten, nach Freiburg umzuziehen. Sie stellten ihn vor die Wahl: entweder mit nach Freiburg zu kommen, dann aber bei den Eltern wohnen zu müssen, ohne eigene “Bude”; oder im Ruhrpott zu bleiben, bei der Großmutter, bei der er eine eigene Kammer zur Verfügung hätte. Seine Entscheidung fiel für Bochum. Irgendwie instinktiv, wie er erzählte. Den Schwarzwald und das Elsass lernte Engels besuchsweise dennoch kennen, inklusive der Weinfeste und Lebensart in dieser Grenzregion. Und ist sich sicher: ein Studium in Freiburg hätte einige Semester länger gedauert.

Dass er eine Führungskraft in der Wirtschaft werden würde, sei nicht einem Plan entsprungen. Jede Station, jeder Meilenstein auf dem Weg dahin sei von Zufällen geprägt gewesen. Nach Abgabe seiner  Doktor-Arbeit 1984 wäre ein Besuch der Harvard University möglich gewesen, für die er ein Stipendium hatte. Stattdessen bewarb sich aber bei den Chemischen Werken Hüls in Marl. Bei der Vorstellungsrunde wollten ihn einige Direktoren und Vorstandsmitglieder examinieren, und bei der Übergabe hörte er, wie er angekündigt wurde: “Da kommt jetzt einer, der sieht aus uns spricht so wie Jürgen von Manger († 1994 in Herne, ein deutscher Schauspieler und Kabarettist, Bühnenfigur Adolf Tegtmeier, ein übertrieben typischer Ruhri).” Er wurde eingestellt.

Nach der Probezeit habe sein damaliger Chef gesagt: “Na ja, Herr Engel, ich hab' mir das nochmal angeguckt und ich wundere mich, dass wir so einen mit einem so schlechten Zeugnis überhaupt eingestellt haben. Aber jetzt sind sie ja nun einmal hier, und das erste Jahr war ja auch gar nicht so schlecht, da können sie auch weitermachen.”

In den ersten drei, vier Jahre lief es gut, gute Chefs, gute Projekte und Spaß daran, etwas zu produzieren. Er habe ein “knackiges, technisches Problem” zu lösen gehabt und sei jeden Abend mit ölverschmutzen Händen müde nach Hause gegangen. Dann aber wurde Engel vom Personalchef angerufen, der wollte ihn im Rahmen eines BDI-Programms an die Botschaft in Peking schicken. Das wollte er nicht, und auf die Frage, was er denn machen würde, wenn das Unternehmen in zwänge, habe er erwidert: “Dann würde ich dem Unternehmen meine Mobilität anders unter Beweis stellen”.

Der Schreck über diese Antwort sei ihm erst am nächsten Morgen in die Glieder gefahren. Als der Personalchef ihn aber später mit einem erneuten Anruf zum Wechsel zur Konzernmutter VEBA AG nach Düsseldorf drängte, habe er zustimmen müssen. Das Vorstellungsgespräch dort habe er etwas eigenartig gefunden, dennoch war es für seinen späteren Weg wichtig, denn er führte es mit Werner Müller, später Vorsitzender der Ruhrkohle AG bzw. Evonik, seit 2012 Chef der RAG-Stiftung.

Von der VEBA AG wechselte Engel 1994 zurück zu den Chemischen Werken Hüls, von dort 1999 als Mitglied des Vorstands, später Vorsitzender der Geschäftsführung zur Brenntag AG. 2006 war es Werner Müller, der ihn anrief, um ihn als Mitglied des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft zu werben. Das sei eine reizvolle Aufgabe gewesen:

“Es ging darum, den subventionierten Steinkohlebetrieb an der Ruhr und an der Saar sozialverträglich zu beenden. Man wird wahrscheinlich erst in Jahren zu würdigen wissen, was das bedeutet hat. Der Rückgang der Steinkohle und das Nachlassen ihrer Wettbewerbsfähigkeit war über viele Jahrzehnte ein schmerzhafter Prozess, eine gigantische Transformation mit großen Folgen für die ganze Region. Es ging darum, Sicherheiten zu schaffen für alle Beteiligten.”

2009 übernahm Klaus Engel den Vorsitz der Evonik Industries AG. Seine Bestandsaufnahme:

„Heute ist es so, dass wir unter dem Dach der RAG Stiftung den schwarzen Bereich haben, der den operativen Bereich der Steinkohle abwickelt und dafür sorgt, dass die Ewigkeitslasten finanziert werden. Evonik führt aus seinen Dividenden Mittel an die Stiftung ab, um diese Leistungen zu ermöglichen.“

Das musikalische Zwischenspiel vor dem Übergang zum zweiten Teil des Gesprächs, in dem es nicht mehr um Biografisches, sondern um Themen ging, gestaltete, wie schon zur Eröffnung des Abends das SURI-Quartett.

Nachfolgend finden Sie in Auszügen prägnante Antworten von Klaus Engels dokumentiert

Gesellschaftspolitsches Engagement
„Wirtschaftsführer müssen sich darum kümmern, dass die Erträge stimmen, dass die Dividende gezahlt wird. Es gibt den Einen und den Anderen die sagen: „mein Gott, was kümmert der sich denn um die Politik? Warum rennt der ständig in Berlin rum oder in irgendwelchen Kirchen, der soll sich doch lieber ums Geschäft kümmern“. Damit habe ich ein Problem, denn es wird für die Menschen ja auch immer schwieriger zu verstehen, was wir in der Wirtschaft machen. Was macht die Chemie? Viele Menschen haben Angst vor dem, was wir machen.
Man erwartet von uns zu Recht, dass wir – leider gibt es dafür nur den neudeutschen Begriff - Corporate Social Responsibility-Berichte veröffentlichen. Da stehen alle möglichen Zahlen darüber drin, was wir sonst so Gutes machen. Aber damit ist es ja nicht getan. Persönlich bin ich der Meinung, es ist wichtig, dass alle Eliten, die politischen, die Kirchen und auch die Wirtschaft sich einbringen müssen in einen Dialog, wenn wir die Gesellschaft gemeinsam voranbringen wollen. Dazu gehört auch, dass ein Wirtschaftsführer sich gesellschaftlich engagiert – und auch das Unternehmen insgesamt mit seinen Mitarbeitern. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit.“ (Beifall)
Flüchtlinge
„Uns gebietet unser Bekenntnis zur Genfer Konvention und zum Grundgesetz und zu unserer besonderen deutschen Geschichte, dass wir Menschen, die politisch verfolgt, und die Kriegsflüchtlinge sind, helfen müssen. Da muss man gar nicht drüber reden.“
Evoniks Beitrag zur Integration
„Wir haben uns – bevor die große Welle losging, also vor Merkels Selfie und der Ankunft der Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof und in Dortmund – Jahre vorher schon engagiert, in Flüchtlingslagern in Jordanien und auch in Syrien. Als das dann durchschlug und unsere Bundesregierung sich trotz des Dublin-Abkommens nicht hat durchringen können, über Kontingente zu reden, sondern gedacht hat, man lässt das Problem dort wo es ist, nämlich in Lampedusa, da haben wir gesehen: da kommt etwas auf uns zu.
Als die Menschen dann hier waren, haben wir helfen müssen. Als Wirtschaftsunternehmen hatten wir nicht die Erfahrung eines NGO. Uns ist erst einmal nichts Besseres eingefallen, als materiell zu helfen. Wir haben aber schnell gelernt, dass es ein gigantisches zivilgesellschaftliches Engagement schon gibt, viele unserer Mitarbeiter haben so den Weg zurück gefunden zu ihren Kirchen, weil sie festgestellt haben, die machen das bereits seit vielen Jahren, und haben dort dann mitgearbeitet.
Ich habe dann unseren Ausbildungsleiter gefragt, wir haben doch unsere eigenen Programme für Leute, die sich schwer tun, da können wir doch ein paar Flüchtlinge mitlaufen lassen? Der habe dann gesagt: Chef, das mach ich gerne; aber unser Problem ist, dass in unserer Ausbildung niemand afghanisch oder syrisch spricht. Damit war ziemlich klar: bevor man über Karrieren oder Arbeitsplatzneid spricht, müssen diese Menschen erst einmal die deutsche Sprache lernen. Ein großer Teil der Millionen Soforthilfe ist – neben humanitären Dingen – in Sprachförderprogramme gegangen.
Weil ich weiß, dass das eine sensible Debatte ist, will ich dazu ganz klar sagen: Es wird keine bestimmte Quote geben für Flüchtlinge, die nach der Ausbildung bestimmte Jobs bekommen. Nach der Ausbildung müssen die Menschen mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund genauso leistungsfähig sein und sich um einen Arbeitsplatz bewerben, wie andere auch. Wir haben ja auch keine Quote für Leute, die eine Fünf in Mathe und in Deutsch haben. Man muss zunächst mal dafür sorgen, dass alle eine Chance kriegen, insbesondere Flüchtlinge, die unter dramatischen Umständen zu uns kommen. Natürlich kommen da nicht nur Professoren und Nobelpreisträger. Aber es sind unglaublich tolle, engagierte Menschen dabei, die sehr, sehr wissbegierig sind. Ich bin sicher, da ist der eine oder andere dabei, der seinen Weg gehen wird.“
Einwanderungsgesetz
„Wir haben ein ganz opportunistisches, eigenes Interesse, uns dazu zu bekennen, was wir eigentlich schon sind: wir sind ein Zuwanderungsland! Wir brauchen eine vernünftige und qualifizierte Zuwanderung. Aber wir haben es seit Jahrzehnten versäumt, es selber so zu gestalten, dass wir für uns definieren, wie hätten wir es denn gerne mit der Zuwanderung? Welche Qualifikationen brauchen wir denn?  Frau Rita Süssmuth und Gerhard Schröder haben ja mal daran gearbeitet.“
Energiepolitik
„Wir müssen uns erinnern, dass die Akzeptanz der Kernenergie in Deutschland schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben war. Rudolph von Bennigsen-Foerder (Vorstandvorsitzender der VEBA, ging 2000 in E.ON auf) sagte Ende der 80-er Jahre bei der Debatte um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf dazu sinngemäß: Man kann nicht mit Polizeigewalt über viele Jahre eine Energieform durchsetzen, wenn die Mehrheit der Menschen damit Probleme hat.
Deshalb hat die VEBA sich damals davon distanziert. Was manche Politiker uns heute noch vorwerfen. Im Grunde ging es damals schon um gesellschaftliche Akzeptanz. In der Folgezeit gab es nach der Debatte über die Wiederaufbereitung  die über Chancen und Risiken der Kernenergie. Wir hatten ja im Grunde akzeptiert: die ist nicht mehrheitsfähig, also müssen wir da raus. Aber es gab dann ein ziemliches Hin und Her. Wir hatten den Ausstiegsbeschluss, der ist dann wieder relativiert worden. Das war nicht gerade glücklich, weil die Industrie sich dann wieder in eine andere Richtung bewegt hat. Wir hatten Tschernobyl, ein einschneidendes Ereignis, dann kam  Fukushima dazu. Im Grunde waren wir schließlich wieder bei einem Sachstand, den wir zuvor schon akzeptiert hatten.
Es ging um die Fragen, wie wir das machen mit den Netzen, wie wir die regenerativen Energien am besten fördern, wie lange die Brücke in die Zukunft wird? Das alles ist heute zu einem großen gesamtgesellschaftlichen Projekt geworden. Auf das der Rest der Welt sehr gespannt guckt. Einige sagen, wenn das überhaupt ein Land hinkriegt, dann ist das Deutschland. Für dieses Kompliment können wir uns bedanken. Das ist natürlich nicht ohne Risiko, wenn wir das ideologisch betreiben, und nicht darauf schauen, was damit verbunden ist: die Wettbewerbsfähigkeit, die sozialen Themen, Arbeitsplätze, die wegfallen. Aber ich will ganz klar sagen: die fossilen Energien sind endlich, die erneuerbaren Energien sind eine große Chance! Wir müssen die Transformation so hinkriegen, dass wir zwischendrin als Volkswirtschaft daran nicht zugrunde gehen. Weil die Energie so teuer wird, dass unsere Wirtschaft insgesamt nicht mehr wettbewerbsfähig ist, und wir dadurch in großem Maßstab Arbeitsplätze verlieren.“
In der Mitte: Leo Dautzenberg, ehemals Westwind-Vorstand
von links: Angelica Schwall-Düren, ehemals Westwind-Vorstand, Klaus Brückner, Stellvertretender Westwind-Vorsitzender, Rita Brückner, Westwind-Geschäftsführerin

Zu guter Letzt beantwortet Klaus Engel noch Fragen aus dem Publikum. Den Schlussakkord servierte dann das SURI-Quartett, für das es nicht nur reichlich Applaus, sondern auch ein handfestes Dankeschön gab.

Die in diesem Jahr, fünfte Auflage der gemeinsam von der Landesvertretung und dem Westwind e.V. ausgerichteten Talk-Reihe „NRW – ganz persönlich“ klang aus mit dem Beisammensein bei guten Happen aus der Küche der Landesvertretung, dazu passenden Tropfen, aufgetischt vom Service des Hauses – und großen Portionen guter Laune.

Gabriele Weber, Westwind-Schatzmeisterin

Konrad Beikircher

Autor, Musiker und Kabarettist aus Bonn; Westwind-Ehrenmitglied!

Wir Rheinländer haben Berlin gegründet. Jetzt wird es Zeit, es zum Leben zu erwecken, denn: ohne Wind ussem Westen lööf in Berlin gar nix!