12. Oktober 2016

Keine Frage: das Thema „Umzug von Bonn nach Berlin“, das in dem Buch über die „Wiedergeburt einer Stadt“ eine bedeutende Rolle spielt, ist hochinteressant für Alt- und Neuberliner, vor allem solche mit Herkunft aus Nordrhein-Westfalen. Aber wir liegen wohl nicht verkehrt mit der Annahme, dass allein der Name und Ruf des Autors Hermann Rudolph für guten Besuch der Lesung am 12. Oktober gesorgt hätte. Einige werden ihn schon zu seinen Bonner Zeiten als interessante Stimme zu deutschlandpolitischen Fragen wahrgenommen haben. In der Bundeshauptstadt Berlin kam man als politisch Interessierte/r ab 1991 aber gar nicht mehr an ihm vorbei, denn damals übernahm er die Chefredaktion des TAGESSPIEGEL und wechselte später in die Rolle des Herausgebers dieser zweiten großen Hauptstadt-Tageszeitung.

Voll ausgelastet: der Raum WestLounge im Souterrain der „Botschaft des Westens“)
Hermann Rudolph, Ditmar Gatzmaga

Die wichtigsten Daten seines Lebenslaufes erfragte zur Eröffnung des Abends Ditmar Gatzmaga, der bei den Westwind-Lesungen bereits mehrfach in dieser Rolle zu erleben war. Die rund 60 Gäste erfuhren, dass Rudolph in der DDR, in Sachsen, aufwuchs, dort bereits als Volontär für einige Zeitungen geschrieben hatte, 1959 aber wegen seiner Liebe zum freien Wort in den Westen geflüchtet war. Rudolph studierte Literatur- und Sozialwissenschaften in Freiburg, München und Tübingen, wo er 1969 promovierte. Seine journalistische Arbeit nahm er im Folgejahr wieder auf, mit einem Job für die Frankfurter Allgemeine, dann für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Als Leiter der Abteilung Politik und Zeitgeschehen beim Deutschlandfunk folgten ab 1983 drei Kölner Jahre, dann ging es zur Süddeutschen Zeitung.

Sein Buch über den Umzug der Hauptstadt erschien 2014. Sein Inhalt aber kann nicht veralten. Auch nicht die klare Sprache, mit der der Autor hier Geschichte geschrieben hat, mit Sympathie für Bonn, vor allem aber mit Sympathie für den gelungenen Prozess, der aus Berlin tatsächlich die Hauptstadt des geeinten Deutschland gemacht hat.

Wir alle waren und sind Zeugen dieses Prozesses. Und natürlich erinnern wir uns an die knappe Abstimmung des Bundestages. Natürlich erinnern wir uns an die Euphorie, die Jahre später die Verhüllung des Reichstages ausgelöst hat, eine Fröhlichkeit und Andacht die erkennbar machte: hier, in Berlin, geschieht Geschichtsträchtiges, Großes. Mit den vorgelesenen Kapiteln erinnerte Hermann Rudolph an Ereignisse und Tatsachen, die längst wohl bei Vielen in den hinteren, schwerer zugänglichen Gedächtnisstuben abgelegt sind. Dass zum Beispiel in den Jahren nach dem Umzugsbeschluss die Zustimmung für den Umzug in Ablehnung umkippte, dass der Glaube an die Umsetzbarkeit des Beschlusses schwand, dass hinter den Kulissen gerungen wurde zwischen den „Bonnern“ und den „Berlinern“.

Tatsächlich werden die ursprünglich gesetzten Umzugstermine nicht gehalten. Aber Klaus Töpfer, der 1994 als Bundesbauminister die Verantwortung für die bauliche Vorbereitung Berlins auf den Umzug übernommen hat, gelingt es mit seiner optimistischen, zupackenden Art, die Stimmung zu drehen, zumindest die in Berlin, und den Bau des Regierungsviertels entscheidend voran zu bringen. Das Ergebnis, so war zu hören, war jedenfalls, dass die historische Mitte der Stadt nun als Quartier für die Politik Deutschlands zurückerobert wurde. Durch den umgestalteten Reichstag, durch die dazugehörenden Bauten und Umbauten für die Abgeordneten, für die Ministerien, für die Vertretungen der Länder.

am Mikro, Dieter Schloten, früher für die SPD in Mülheim / Ruhr im Bundestag
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Geradezu mit Hände zu fassen war die Intensität, mit der der Lesung gelauscht wurde. So konnte es nicht überraschen, dass Rudolph mit der Frage, ob noch ein weiterer kurzer Abschnitt, und dann noch ein weiterer gewünscht werde, nur Zustimmung erntete. Der fortgeschrittenen Zeit war dann geschuldet, dass für Fragen aus dem Publikum nicht mehr viel Luft blieb. Hermann Rudolph bestätigte einen Beitrag aus dem Publikum ausdrücklich: Ja, der Vorsitzende der Baukommission, Dietmar Kansy (CDU), habe fraglos ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der Bauplanungen des Bundes in Berlin gespielt.

hinter dem Autor: Gabriele Weber, Westwind-Schatzmeisterin

Zum Schluss gab es die schwierige Entscheidung: geht man direkt an den Büfetttisch im Tiefhof? Oder sichert sich zuerst am Büchertisch des „Buchladens zur schwankenden Weltkugel“ ein Buch, um es vom Autoren unterschreiben lassen zu können. Frau Liebholdt vom Buchladen war eine weitere Gewinnerin des Abends: sie fuhr ohne schweres Gepäck nach Hause.

Am Büfett gab es Berliner Buletten und ein urrheinisches Gericht: Himmel un Äd und dazu verschiedene Salate. Im Urteil waren sich die Gäste einig: schmeckt alles prima, die Buletten sind wirklich gut, Himmel un Äd aber sind einfach göttlich.

Die gute Stimmung, die den ganzen Abend trug, wurde durch die Speisen und Getränke unterstrichen. Getragen aber war die Veranstaltung durch den Glanz der Formulierungen und den klaren Ton der Geschichte über die Veränderung Berlins durch den Zuzug der Vielen aus Bonn: der Menschen, der Regierung, der Institutionen. Auch hier noch einmal: ein herzliches Dankeschön an Hermann Rudolph.

Sebastian Frevel

Geschäftsführer von Beust & Coll.

Durch das politische Berlin weht beizeiten ein rauer Wind. Etwas "Westwind" ist da - gerade für uns Nordrhein-Westfalen - eine fröhliche und willkommene Brise.