19. Oktober 2016

Nach einer abenteuerlichen Anfahrt versammelten sich die an der Besichtigung interessierten Westwind-Mitglieder am Eingang der Teufelsberg Anlage, wo sie von dem derzeitigen Pächter Marvin Schütte empfangen und begrüßt wurden.

Zu besichtigen gibt es auf dem Teufelsberg in Charlottenburg, einem Berg, der aus rund 25 Millionen Tonnen Kriegs-Trümmern besteht und mit 114 Metern die höchste Erhebung der Hauptstadt ist, ein Relikt, das Kulisse für einen Spionagefilm sein könnte: von der Abhöranlage mit der markanten weißen Kuppel belauschten die Briten und Amerikaner den Ost-Block bis auf eine Entfernung von 700 Kilometern.

Fast der ganze Ost-Block wurde abgehört: vom Zentralkomitee der SED, der DDR-Staatspartei, bis zu sowjetischen Militär-Einrichtungen. Gespräche auf Deutsch, Tschechisch, Polnisch und Russisch wurden akribisch belauscht, aufgeschrieben und übersetzt. In einem dreistufigen Auswertungssystem wurden nur die wichtigsten Informationen weitergeleitet und in den USA archiviert. Die Archive in den USA sollen erst ab 2022 zugänglich sein.

In der ab 1955 errichteten Abhöranlage arbeiteten 1500 Leute in drei Schichten. Es muss ein bisschen wie im Gefängnis gewesen sein. Nur die Kantine hatte Fenster, die Abhörarbeit ohne Tageslicht und bei stickiger Luft war belastend. Ein Austausch zwischen den Briten und den Amerikanern soll nie stattgefunden haben, es wurde parallel abgehört.

Nach dem Fall der Mauer änderte sich alles. 1992 gaben die Amerikaner die Station auf und nahmen die elektronischen Gerätschaften mit. Die Radaranlagen konnten noch eine Zeit lang für die zivile Luftüberwachung genutzt werden.

Vier private Investoren kauften das Gelände - aber ihre Pläne scheiterten. Sie wollten Luxuswohnungen und ein Hotel auf einem Teil des 48.000 Quadratmeter großen Geländes errichten, ist bei der Führung zu erfahren. Sie mussten aber wegen der Proteste von Anwohnern und Naturschutzverbänden und der immer höher werdenden Baukosten alle Aktivitäten einstellen. Eine Musterwohnung gibt es noch. Seit 2006 ist das Gelände offiziell kein Baugebiet mehr, sondern Waldgebiet. Weitere Baumaßnahmen sind damit verboten.

Die Gebäude verfielen. Die Räume, in denen die Abhörtruppen saßen, sind heute kaum zu betreten. Auch die markanten Radarkuppeln sind baufällig. Die Aussicht aber ist schön: Vom Fernsehturm bis zum Olympiastadion lässt sich Berlin im 360-Grad-Panorama genießen.

Das Gelände steht unter Denkmalschutz. Ziel ist es, alle Gebäude der Abhöranlage zu behalten, aber zu entkernen. Geplant sind ein Ausflugslokal und ein Spionagemuseum. Derzeit wird das Areal von einer Gruppe von Künstlern genutzt, deren Graffiti – Werke auf den Wänden der Gebäude für eine Zeit von 8 bis 12 Monaten zu bewundern sind.

Tim Arnold

The Boston-Consulting Group, Köln; 2006 – 2010 Leiter der NRW-Vertretung in Berlin, zählte zum Gründungsteam des Westwind e.V.!

Meine Westwind-Mitgliedschaft ist Ehrensache: Wir Nordrhein-Westfalen in Berlin halten zusammen.