27. September 2016

Alle meine Vorfahren väterlicherseits waren vor Kohle. Mein Großvater ist bei schlagendem Wetter im niederschlesischen Kohlegebiet zu Tode gekommen. Wir waren immer dort, wo Kohle war. In Westfalen – Höxter war die Ausnahme - haben wir in Ibbenbüren gewohnt, Kohle, dann sind wir im Ruhrgebiet gewesen, Kohle, dann waren wir im Saarland, Kohle.

Erik Bettermann, Westwind-Vorsitzender, Dr. Klaus Töpfer, ehemals Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen

Höxter in Ostwestfalen, Ibbenbüren, das Ruhrgebiet! Keine Frage: Dr. Klaus Töpfer, Talkgast der vierten Westwind-Veranstaltung unter dem Titel „NRW – ganz persönlich“, beschwor mit seinen Lebenserinnerungen Bilder herauf, die mit der Urgeschichte unseres Bundeslandes Nordrhein-Westfalen eng verknüpft sind. Die aber zugleich Brücken schlugen zu anderen Regionen am Rande oder jenseits der deutschen Grenzen. Als Gastgeber und Interviewer musste  Erik Bettermann, der Westwind-Vorsitzende, zuweilen nur Stichworte liefern, um mit Geschichten aus einem reichen Erinnerungsschatz belohnt zu werden.

Gut einhundert Gäste lauschten zunächst Damir Bacikin, einem gebürtigen Serben und Wahlberliner, der auf einer Barocktrompete ein virtuoses Stück aus der Literatur der Barockmusik vortrug. Erik Bettermanns erste Frage galt dem Interesse seines Talkgastes an Musik auf der Barocktrompete.

Das habe etwas mit einer besonderen Atmosphäre zu tun. Klaus Töpfer erzählte, dass er unmittelbar nach der Wende auf der Vilm gewesen sei, einem Inselchen vor der Südküste Rügens, einem Urlaubsort der DDR-Nomenklatura. Dort habe es ein Haus Honecker gegeben und ein Haus Ulbricht, in dem er gewohnt habe. Es sei eine unglaubliche Umbruchstimmung gewesen, damals. Hier auch um die Frage, was mit dieser Insel gemacht werden solle. Zurück auf Rügen habe man an einem Dankgottesdienst teilgenommen, küstennah in einer kleinen, schmalen,  geduckten Fischerkirche. Dort habe Ludwig Güttler aus Leipzig musiziert, auf der Barocktrompete: „Das ist mir wie eingebrannt. Wo immer ich die Möglichkeit habe, so etwas zu hören, versuche ich auch, das zu machen.“ (Wikipedia: Am 6. Oktober 1990 wurde die Akademie als Internationale Naturschutzakademie Vilm durch den Bundesumweltminister Klaus Töpfer eröffnet und der damaligen Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie angegliedert.)

Geboren wurde Klaus Töpfer im niederschlesischen Waldenburg im Jahr vor Beginn des Weltkrieges. Bettermann zitiert seinen Gast aus einer Talksendung im Fernsehen: „Not lehrt beten und macht erfinderisch,“ und fragte nach seinen Kriegserinnerungen. Seine Kinder, antwortet Klaus Töpfer, würden ihm vorhalten, darüber zu wenig zu erzählen. Aber die schlimmen Ereignisse damals lasse man besser wo sie sind. Mit Schmerz in der Stimme: Diese Zeit sei eine schlimme Hypothek, immer noch. Er habe daraus gelernt, dass es dazu nie wieder kommen dürfe.

Seine Familie sei auf der Flucht nach Höxter gekommen, und nein, dieses Ziel habe man nicht ausgesucht. In Waldenburg habe es wohl überhaupt niemanden gegeben, der Höxter gekannt habe. Die Flucht habe seine Familie für eine Episode gehalten und bis zu ihrem Tode fest damit gerechnet, wieder nach Schlesien zu gehen. Vor die Wahl gestellt, ins Ländliche oder Städtische zu gehen, habe sein Vater gedacht, das Wichtige sei, etwas zu essen zu haben und sich für das Ländliche entschieden. So sei man im schönen Städtchen Brakel im Landkreis Höxter gelandet. Dort hätte es eine Stadthalle mit einem größeren Raum gegeben – ihm widerstrebe hier der Begriff Saal – darin habe man mit 80, 100 Personen auf Stroh gelegen. Daran fühle er sich heute oft erinnert.

Von Brakel aus wurde man weiter verteilt, seine Familie kam nach Höxter, in eine Region, die gezeichnet war durch den Krieg. Viele Männer, viele Brüder seien nicht zurück gekommen. Seine Eltern habe man mit den drei Kindern in zwei kleine Mansardenzimmer eingewiesen. Komfortabel sei das nicht gewesen, aber man habe nie wieder ein so intensives Familienleben gehabt wie zu dieser Zeit. Zusammen mit einem Onkel, der aus Frankreich zurückgekehrt war, sei er dann ausgesucht worden um in den Dörfern bei den Patronatsfesten zu betteln. Noch heute kenne er alle Patronatsfeste in der Region. Ein schweres Leben sei das damals gewesen, seine Eltern seien früh gestorben.

Wenn heute so etwas passiert, steht da eine Heerschar von Psychologen und Beratern. Bei uns stand da keiner. Ich bin davon überzeugt, dass die Generation der damals Sechs-, Siebenjährigen und jüngeren Kinder dieses niemals aus sich raus gekriegt haben.

Es gebe auch Untersuchungen, die belegen, dass von diesen Kindern wenige sesshaft geworden, dass sie unruhig sind. Das treffe auch auf ihn zu. Aber die wichtigste Ehrung, die er jemals bekommen habe, sei die Ehrenbürgerschaft von Höxter.

In Höxter wuchs Klaus Töpfer auf, dort ging er zur Schule. Zu seinen Klassenkameradinnen zählte Mechthild, die später seine Ehefrau wurde – und  ihren Mann zum Talk in die „Botschaft des Westens“ begleitet hat. Damals war es für Schüler aus „kleinen Verhältnissen“ nicht selbstverständlich, das Gymnasium zu besuchen, nur sechs, sieben Prozent eines Jahrgangs machten Abitur. Aber seine Eltern hätten gesagt: „Die Kinder sollen aufs Gymnasium gehen, wenn sie draufkommen.“  Klaus Töpfer zählte zu denen, die dieses Ziel erreichten.

Nach dem Abitur entschied die Familie, dass das Studium der Volkswirtschaft für Klaus das richtige sei. Sein Wunschfach sei allerdings Geschichte gewesen. „Aber mein Bruder sagte unseren Eltern, das sei brotlose Kunst, das könnten sich nur Leute leisten, die Geld hätten zuhause. Wenn Du Volkswirtschaft studierst, bist Du nach acht Semestern fertig, erhältst in der Wirtschaft einen Job und kannst Dich selbst unterhalten. Das hat meine Eltern überzeugt.“

Den Hinweis, dass er sein Studium u.a. mit Hilfsarbeiten beim Dachdecken finanziert hat, nutzt Klaus Töpfer für eine „Werbeeinblendung“: es lohne sich, das Kloster Corvey bei Höxter zu besuchen, vor kurzem habe es den Status eines Weltkulturerbes zugesprochen bekommen. Und ja: Höxter liege am Solling, einem Buntsandsteingebirge, in dem Steinplatten zum Dachdecken gewonnen werden können. Dies sei heute jedoch aus Kostengründen von rückläufiger Bedeutung, außerdem gebe es auch kaum noch Dachdecker, die damit arbeiten könnten, was aber aus denkmalpflegerischen Gründen aber absolut notwendig wäre. Die Arbeit mit diesen Platten sei allerdings ein Knüppeljob gewesen, alles in Handarbeit, Aufzüge dafür gab es damals noch nicht, und die Platten waren „idiotisch schwer“.

Sein Studium schloss Klaus Töpfer mit einer Diplomarbeit über Regionalpolitik und Standortentscheidung ab. Weitere Lebensstationen waren die Abteilungsleitung in der Staatskanzlei des Saarlandes, Professuren in Hannover und Mainz und schließlich die Berufung zum Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Das war am 7. Mai 1987. Wichtige Stationen auf dem damit beschrittenen Weg waren die Gründung des Bundesamts für Strahlenschutz 1989, die Gründung des Grünen Punkts – Duales System Deutschland 1990, im Jahre 1991 das FCKW-Verbot, genauer: die Verordnung zum Verbot von Halogenkohlenwasserstoffen, die die Ozonschicht in der Atmosphäre zerstören. 1994 übernahm Klaus Töpfer das Amt des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Sein Abschiedsgeschenk als Umweltminister war die Verankerung des Umweltschutzes als Verfassungsziel im Artikel 20 a des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.  (Weitere biografische Daten finden Sie auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_T%C3%B6pfer)

Dass Berlins Mitte zugleich Berlins politische Mitte geworden ist, ist ganz wesentlich ein Verdienst des Bundesbauministers, der den vom Bundestag beschlossenen Umzug von Bonn nach Berlin umzusetzen hatte. Klaus Töpfer legt allerdings Wert darauf, dass er im Bundestag selbst für den Regierungssitz Berlin gestimmt hat: „Ich bin wirklich der Überzeugung gewesen, wir können nicht über Jahrzehnte sagen, das ist die geteilte Hauptstadt. Dann haben wir die Möglichkeit, sie wieder zur Hauptstadt zu machen, bleiben aber da, wo wir sind.“ Allerdings sei er auch für den Ausgleich in Bonn verantwortlich gewesen und habe sich beispielsweise für die Sanierung des Schürmann-Baus eingesetzt (https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%BCrmann-Bau ). Für den langjährigen Intendanten der Deutschen Welle, Erik Bettermann, sei das doch gewiss auch von Belang gewesen. Er sei der Meinung gewesen, man könne nicht aus Bonn weggehen und eine Ruine hinterlassen.

Das Dankeschön des Westwind-Vorsitzenden an Klaus Töpfer unterstrichen die Gäste mit einem lang anhaltenden, kräftigen Applaus. Und folgten dann nur zu gerne der Einladung zum abschließenden Empfang.

Hans Henner Becker

Deutscher Bundestag, wiss. Dienst; Autor von Tango-Theaterstücken, Chef der „Tangonale“

WESTWIND ist für mich ein Brückenschlag zwischen der alten Heimat Düsseldorf und der neuen Heimat Berlin.