17. September 2019

Berlin, das war ihre Stadt, 37 Lebensjahre verbrachte Else Lasker-Schüler in Berlin. Ihr Werk, Prosa, Bühnenstücke und Gedichte, entstanden hier, auch die meisten Briefe, die erhalten blieben. 37 Jahre, bis sie vor den Anfeindungen und Drohungen der Nationalsozialisten im Jahr 1933 die Reichshauptstadt verließ und für einige Jahre dann Zürich ihr Lebensmittelpunkt war.

Dennoch ist und bleibt ihr Name verbunden mit dem Wuppertal, denn dort wurde sie 1869 geboren, am 11. Februar in Elberfeld (nach dem Zusammenschluss mit den Ortsteilen Barmen, Cronenberg, Ronsdorf und Vohwinkel 1929 zur Stadt „Elberfeld-Barmen” zusammengeschlossen, 1930 nach einer Bürgerbefragung mit dem Namen „Wuppertal” gesegnet). Dazu sollte man wissen, was unter dem Stichwort Wuppertal zum Beispiel in Wikipedia zu lesen ist: „Die Region Wuppertal, mit Barmen und Elberfeld als Zentren, war Mitte des 19. Jahrhunderts eines der größten Wirtschaftszentren des Europäischen Kontinents und eine der ersten Industrieregionen Deutschlands.” Die sozialen Folgen der Industrialisierung sind ein Leitmotiv in Lasker-Schülers erstem Theaterstück „Die Wupper”.

Das sei erwähnt, weil der Autor des Buches „Else Lasker-Schüler in Berlin”, Jörg Aufenanger, ein Kind des Wuppertals ist, geboren im Dezember 1945, am Ende des Jahres, zu dessen Beginn Frau Lasker-Schüler in Jerusalem gestorben war. Und der Stadt nach wie vor eng verbunden, wie er mit der Lesung aus seinen Kindheitserinnerungen am 17. Mai 2018 in der WestLounge der „Botschaft des Westens”, der NRW-Landesvertretung in Berlin, eindrucksvoll belegt hatte ( Veranstaltungsbericht vom 17. Mai 2018).

Der Autor, Jörg Aufenanger

Für die Anmoderation war Ditmar Gatzmaga zuständig, der das Mikro nach wenigen einleitenden Sätzen an den Westwind-Vorsitzenden Leo Dautzenberg reichte.

Leo Dautzenberg

Nach einem kurzen überleitenden Frage- und Antwortspiel übernahm dann der Autor. Nicht aber, wie gewohnt, zur Lesung aus dem Buch, sondern mit einer ausführlichen Schilderung der besonderen Umstände, die das Leben der Dichterin Lasker-Schüler in Berlin prägten. Sie steht im Mittelpunkt, ist aber, das wird schnell klar, Teil von Größerem, von Gesinnungsfreundschaften, von Freundeskreisen, aus denen das Netz geflochten wird, das Else Lasker-Schüler während ihrer Berliner Jahre trägt.

Aber alles beginnt damit, dass Else Lasker-Schüler sich von den Konventionen des nur bürgerlichen Lebens verabschiedet: Die Ehe mit Berthold Lasker geht zu Ende, ihr Sohn Paul hat einen anderen Vater. Und sie beginnt, Gedichte zu schreiben, die sie in dem Gedichtband „Styx” der Öffentlichkeit preisgibt. Zitat aus „Eros”:

O ich liebte ihn endlos!
Lag vor seinen Knie'n
Und klagte Eros
Meine Sehnsucht.
O ich liebte ihn fassungslos.
Wie eine Sommernacht
Sank mein Kopf
Blutschwarz auf seinen Schoß
Und meine Arme umloderten ihn.

In den Jahren ab 1900 bildeten sich Lebensreformgemeinschaften, gerade in Berlin und dem Berlinder Umland. Die Dichterin schließt sich der „Neuen Gemeinschaft” an, die ihre Zuflucht in Friedrichshagen gefunden hat, damals noch vor den Toren Berlins. Diese Gemeinschaft „veranstaltet Weihefeste, Liebesmahle” sowieVorträge und Ansprachen. Man trifft dabei u.a. auf Martin Buber, Erich Mühsam, Rudolf Steiner. Und Else lernt dort den Komponisten Georg Lewin kennen, ihren zweiten Ehemann. Sie ändert seinen Namen in Herwarth Walden. Als Komponist sind ihm keine großen Erfolge beschieden. Im Berliner Künstlerleben aber spielt er dann eine bedeutende Rolle. Heute würde man sagen: als „Netzwerker”, und wichtiger Unterstützer seiner Frau, auch noch, als sie sich längst getrennt hatten.

Mit Herwarth Walden wohnte die Dichterin in der Katharinenstraße. Die Ehe endet mit der Scheidung 1912. Danach lebte Else Lasker-Schüler im Neuen Westens Berlins, in Charlottenburg und Wilmersdorf. Aufenanger zählt die Straßennamen auf, weiß auch Hausnummern dazu, erzählt, dass sie schließlich nur noch möbliert wohnt und sich schließlich in einem Hotel in der Motzstraße einrichtete. Ihr eigentliches Zuhause sind die Kaffeehäuser. In denen sich die Männer und Frauen der Bohème treffen, Literaten und Dichter, Schauspieler, Maler und Komponisten, Herausgeber und Verleger, eine aus den Schrecken des Weltkriegs gewachsene Avantgarde aus Kunst und Kultur, beseelt vom Glauben an eine andere, bessere Zukunft. Eine bedeutende Rolle spielte dabei das Café des Westens am Kurfürstendamm, etwa bis 1918/19. Andere Kaffeehäuser übernahmen danach seine Rolle.

Immer mittendrin und ein Mittelpunkt ist Lasker-Schüler. Sie schreibt und veröffentlicht, zum Beispiel in Waldens Zeitschrift „Der Sturm”. Aber ihre Bücher verkaufen sich nicht gut. Sie ist angewiesen auf die Unterstützung der Freundeskreise in den Cafés. Vor allem, als ihre Werke nach einer heftigen öffentlichen Attacke gegen Verleger und Verlage nicht mehr veröfflicht werden, sieben Jahre lang erscheint kein Buch mehr mit dem Namen Lasker-Schüler auf dem Deckel.

Die kleine Gemeinde von Literaturfreundinnen und -freunden in der WestLounge der NRW-Vertretung erfährt dies nicht durch die Lesung der entsprechenden Textstellen im Buch. Jörg Aufenanger berichtet darüber. Er zeichnet Else Lasker-Schülers persönlichen Weg nach, als sei er ein Weggefährte gewesen. Und nimmt nur hin und wieder sein Buch zur Hand, um das Erzählte zu illustrieren oder zu ergänzen.

Im Jahr 1933 flieht Else Lasker-Schüler vor den wachsenden Anfeindungen der Nationalsozialisten nach Zürich, wo sie aber ebenfalls nicht dauerhaft willkommen ist. Sie zieht weiter nach Palästina und stirbt 1945 in Jerusalem.

Im Anschluss an den Vortrag gibt es Fragen an den Autoren. Jörg Aufenanger bleibt keine Antwort schuldig, sondern zeigt erneut, dass er Else Lasker-Schüler geradezu aus der Nähe kennt, als sei er ein Zeitzeuge gewesen, als habe er neben ihr im Café des Westens gesessen und sich in ihren Kreisen bewegt. Gefragt wird der Autor u.a., was zu dem Urteil geführt haben könnte, Else Lasker-Schüler sei Deutschlands bedeutendste Lyrikerin. Das Besondere sei jedenfalls, dass nur sie im Mittelpunkt ihrer selbstentblößenden Lyrik gestanden habe.

Seine Zuhörerinnen und Zuhörer dankten Jörg Aufenanger mit einem kräftigen Applaus.

Viele Gäste brachen dann auch auf. Mittlerweile hat sich der Auftakt der Westwind-Lesungen mit einem guten, kleinen Imbiss etabliert. Getränke dazu gab es an der Theke, aber die annähernd 60 Gästen in der gut gefüllten WestLounge wurden vom aufmerksamen Service-Personal der Landesvertretung auch an ihren Tischen aufmerksam bedient – wenn auch nicht während der Lesung. Dafür gab es mittendrin eine Pause.

Den Büchertisch betreute Markus Jäger vom Bebra-Verlag, in dem das Buch erschienen ist.

Clemens Appel

Staatssekretär a.D., Rechtsanwalt, Potsdam

Der Westwind verkörpert für mich den Brückenschlag zwischen meiner alten Heimat Bonn und Potsdam, wo ich jetzt zuhause bin.