11. Juni 2019

Mitte Juni, ein Hochsommertag im Berliner Tiergartenviertel. Draußen drückende Hitze. Heitere, entspannte Atmosphäre aber in der „WestLounge”, im Souterrain der „Botschaft des Westens” in Berlin. Mehr als 40 Gäste hatten sich gegen die Gartenlokale im Berliner Tiergartenviertel entschieden und waren der Einladung zur Westwind-Lesung gefolgt.

Was wurde Ihnen da geboten? Jesses Maria!!! Das war deftige und dennoch leicht-lockere Kost. Carla Berling servierte ein Menü in mehreren Gängen, saukomisch, überraschend und schräg, fein gewürzt mit Lebensweisheiten – und dargeboten in einer Weise, für die der Begriff Kleinkunst zu bescheiden wirken würde.

Zur Begrüßung gab es zuvor kalte Getränke, außerdem fanden sich auf der Theke für den Gaumen Gläser aufgereiht, in der zur freien Wahl vier verschiedene Salatkompositionen angerichtet waren, qualitäts- und liebevolle serviert von der Spitzenküche der NRW-Landesvertretung. Leichte, sehr leckere Kost, eine prima Einstimmung auf das weitere Programm.

An Carla Berlin könnten einige Gäste sich erinnert haben. Denn im Rahmen des Krimimarathons Berlin-Brandenburg im November 2017 las sie am gleichen Ort aus ihrem damals aktuellem Ostwestfalen-Krimi „Mordkapelle”. Auch dafür erhielt sie viel Beifall! (Veranstaltungsbericht)

Aber der Reihe nach: Eröffnet wurde die Lesung durch den Westwind-Vorsitzenden Leo Dautzenberg sowie durch Ditmar Gatzmaga, der der Autorin mit einigen Fragen Gelegenheit gab, sich persönlich vorzustellen.

Leo Dautzenberg, Carla Berling, Ditmar Gatzmaga

Dann hatte nur noch Frau Berlin das Wort. Sie las Kapitel vor aus dem Buch „Jesses Maria”, in dem alle Kurz-Geschichten versammelt sind, die sie in ihren frühen Schriftstellerjahren verfasst und im Selbstverlag in mehreren kleinen Bänden veröffentlicht hatte.

„Wechseljahre” war eine der Geschichten. Textauszüge:

Die Wecheljahre habe ich unterschätzt. Ich dachte: Wechseljahre sind ganz natürlich, die kriegen alle Frauen, die erledige ich sozusagen nebenbei. So wie Kinderkriegen: da haben auch alle ein Riesentheater gemacht und ich hatte richtig Angst davor. Letzlich fand ich es aber sehr schön. Auch wenn's wehtat! (…) Ehrlich gesagt hab ich mit Anfang vierzig sogar darauf gewartet, dass es endlich losging mit den Wechseljahren, denn ich hatte keine Lust mehr auf rote Welle. (…)

Vieles ändert sich nicht, zugegeben. Die falsche Seite zum Beispiel. Immer gehörte ich der falschen Seite an. (…) Immer wieder war ich zur falschen Zeit am falschen Ort. Jetzt auch. Zwei Sorten Frauen gibt es nämlich in den Wechseljahren: die normalen und die anderen. Ich bin eine von den normalen, und damit gehöre ich wieder zur falschen Fraktion. Weil ich, wie alle normalen Frauen, quasi über Nacht fett und faltig werde, nicht mehr schlafen kann und deswegen tagsüber genervt und müde bin. Nicht so die anderen Frauen. Heiter beschwingt und ausgeschlafen sind die. (…)

Freundinnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher, als wir jung waren, haben wir auf unsere Männer aufgepasst wie die Schiesshunde. Dabei hätte ich es bei Manni ruhig angehen lassen können, den wollte außer mir keine.

Wenn eine von uns Eheprobleme hatte, haben alle anderen ihr geraten, um jeden Preis mit dem Ehemann zusammen zu bleiben. Man musste gemeinsam mit allen Mitteln verhindern, dass diejenige als Single wieder auf den Markt kam und die Ehemänner wuschig machte. Das war ein stilles Abkommen unter uns Ehefrauen, an das sich alle hielten. Inzwischen sind die meisten von uns geschieden.

Wer dabei war, wird bestätigen können: Dieser Text zählte zur ausführlichen Lesung, fast anderthalb Stunden mit einer ordentlichen Verschnaufpause zwischendurch.

Frau Berling mit ihrem Sohn, der den Büchertisch betreute

Aber ihn nun einfach selbst zu lesen – das ist nicht das Gleiche. Es fehlt etwas wichtiges, so, als würde man seine Spiegeleier ohne Speck, Pfeffer und Salz geboten bekommen: es fehlt die Persönlichkeit, die Person, die diesen Text inszeniert hat wie einen Shakespeare-Text. Es fehlen die Betonungen, es fehlt die Atmospähre.

Es fehlt bei der als Letztes vorgetragenen Geschichte über die „Weinprobe”, die nüchterne, aber gen Schluss völlig betrunkene Person, die nach der letzten Flasche nicht mehr geradeaus kommentieren kann. Nach dem abschließenden „Hihi, mach ich getz auch, ein Abgang, aber ein ganz kurzen. Kommssu mit, Tamara?” klatscht Frau Berlings Publikum nicht nur, es johlt vor Begeisterung. Über den Text, noch mehr aber über die völlig Betrunkene vorne am Mikrophon. Das haben wir bei all den Westwind-Lesungen noch nicht erlebt.

In der Mitte: Gabriele Weber, langjährige ehemalige Westwind-Schatzmeisterin, links daneben Manfred Weber, ihr Ehemann
rechts im Bild: Marie-Luise Meichner, ebenfalls viele Jahre lang Westwind-Vorständlerin

Clemens Appel

Staatssekretär a.D., Rechtsanwalt, Potsdam

Der Westwind verkörpert für mich den Brückenschlag zwischen meiner alten Heimat Bonn und Potsdam, wo ich jetzt zuhause bin.