Freitag, 16. November 2018

Wissen Sie, der Berg hat einen sonderbaren Ruf in der Gegend. Für die einen ist er fast eine Wallfahrtsstätte, für die anderen ein Ort, von dem man sich besser fernhält, gerade in der Dunkelheit.“

Der Berg, das ist der Wilzenberg bei Schmallenberg im Sauerland. Noch näher gelegen ist die kleine Ortschaft Winkhausen an der Bundesstraße 236, dort, wo das Flüsschen Sorpe in die Lenne fließt. Das Sauerland kennen Sie nicht? Sie finden diese Region in Westfalen, ihre östlichen Ausläufer überschreiten die Grenze zu Hessen.

Landschaftlich reizvoll. Und überregional durchaus bekannt. Vor allem, weil rund um seine höchste Erhebung, dem „Kahlen Asten“ (841,9 m ü. NHN) bei Winterberg, Deutschlands nördlichstes Wintersportgebiet zu finden ist.

Ja, landschaftlich reizvoll. Doch auch mit Örtlichkeiten ausgestattet wie dem Wilzenberg. Seine Besonderheiten lernten die rund 70 Gäste des Westwind e.V. durch die Lesung von Linus Geschke am 16. November in der „Botschaft des Westens“, der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in der Bundeshauptstadt, kennen:

In der Nacht zeigte der Wilzenberg seine andere, böse Seite. Zahlreiche Legenden drehten sich um ihn. Unheimliche Geschichten, über die die Einheimischen tagsüber lachten und vor denen sie sich nachts fürchteten.“

Der Autor Linus Geschke

Ungewöhnlich an dieser Lesung im Rahmen des Krimimarathons Berlin-Brandenburg war, wie offensiv der Autor das Gespräch mit seinem Publikum suchte, unbedingt auch Rückmeldungen und Kommentare wünschte.

Aus dem Schatzkästlein seines Handwerks gab er ein Geheimnis preis, das hier zu verraten einen Nachteil hat: Sie werden Kriminalromane künftig anders lesen! Wenn Sie das nicht möchten, sollten Sie die nächsten beiden Absätze einfach überspringen, die Augen vor ihnen verschließen.

Als Leserin oder Leser fühlen Sie sich automatisch in der Rolle des Co-Ermittlers und möchten die präsentierten Rätsel und Fragen natürlich lösen. Wenn entsprechende Hinweise im Text zu deutlich sind, bricht die Spannung. Wenn davon aber zu wenig geliefert wird und der Schluss Sie völlig überrascht – oder sogar erst einmal nicht verständlich ist - sind Sie ebenfalls enttäuscht. Wie also gelingt es dem Autor, die Spannung zu halten, ohne sie zu früh preiszugeben?

Hinweise auf die Lösung, klärte Herr Geschke auf, versteckt er gern in langen Sätzen, in denen sie ganz nebensächlich wirken. Das, was seine Leserinnen und Leser aber unbedingt begreifen müssen, um den Handlungsfaden nicht zu verlieren, das wird in prägnante, kurze Sätze gepackt.

Ja, wir erlebten es mit, wie er uns Krimikonsumenten zu fesseln versteht. Im „Lied der toten Mädchen“ ermittelt der Kölner Journalist Jan Römer gemeinsam mit seiner Freundin „Mütze“ das dritte Mal in einem alten Kriminalfall, diesmal einem aus 1997, insofern ähnlich wie in den beiden vorangegangenen Romanen mit diesem Ermittlerpaar („Die Lichtung“, 2014; „Und am Morgen waren sie tot“, 2016).

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Westwind-Vorsitzenden Leo Dautzenberg, der die Gäste zunächst zu einem kleinen Imbiss bat, damit sie ohne Hunger und Durst der Lesung folgen konnten. Auftakt der Lesung war dann ein kurzes Gespräch mit dem Ziel, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit einigen biografischen Daten des Autors vertraut zu machen.

Leo Dautzenberg
Linus Geschke, Ditmar Gatzmaga

Sie erfuhren, dass Linus Geschke aus Köln stammt – nicht unwichtig für eine Lesung des NRW-Vereins Westwind e.V. in Berlin. Von Haus aus ist Geschke Journalist, arbeitet u.a. für SPIEGEL Online und für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, aber auch für andere Medien. Für seine Tauch- und Reisereportagen wurde er bereits mehrfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.

Krimis zu schreiben, das ist aber offenbar eine Passion, von der er nicht lassen kann (der nächste Titel, diesmal mit einem anderen Ermittler, erscheint im Januar im Ullstein-Verlag.) Diesmal kümmern Römer und Mütze sich um den ungeklärten Mord an einer jungen Frau, 1997 auf dem Wilzenberg. Neben ihr fand sich eine Spieluhr. Eine Spur, die ins Nichts führte. Feinde hatte sie nicht, ihr Freund hatte ein wasserdichtes Alibi, die polizeilichen Ermittlungen führten ins Nichts.

rechts: Rita Brückner, Westwind-Geschäftsführerin

Seltsam aber ist, dass sich bei den aktuellen Nachforschungen zwar viele Leute aus der Umgebung an diesen Fall erinnern, darüber aber fast alle eine jeweils andere Geschichte erzählen. Auch die Informationen zu dem Opfer wollen nicht recht zusammen passen. Eines aber stellt sich sehr bald heraus: die Fragen von Römer und Mütze lassen nicht alle Anwohner kalt. Ganz allmählich verdichtet sich das Gefühl einer wachsenden Bedrohung. Nur gut, dass die beiden auf die Unterstützung von Arslan zählen können, einem Freund Römers, ein Ex-Profi-Boxer, dessen besondere Art von Argumenten sich als sehr hilfreich erweist.

Und, ach ja, es bleibt dennoch nicht bei einem Opfer. Und seit langem kalte Spuren sind plötzlich wieder heiß. So auch die Bedeutung der Spieluhr. Mehr aber sei hier nicht verraten. Denn mit weiteren Hinweisen wollte der Autor auch während der Westwind-Lesung nicht dienen. Mitnehmen konnten die Gäste dennoch eine Menge, vor allem die dichte Spannung, die die gelesenen Passagen vermittelten, jeden Moment erwartete man einen Blitzschlag. Der aber dem eigenen Leseerlebnis überantwortet blieb.

Der „Buchladen zur schwankenden Weltkugel“, Partner des Westwind e.V. bei fast allen seiner Lesungen, hatte Grund, sich über dem Ertrag des Abends zu freuen: das „Gepäck“ war am Schluss viel leichter als bei der Anreise.

Die Westwind-Treue zum Krimimarathon, an dem der Verein sich seit etlichen Jahren regelmässig mit Lesungen nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren beteiligt, zahlte sich in diesem Jahr für den Gastgeber NRW-Landesvertretung in besonderer Weise aus. In diesem Jahr fand die Eröffnungsveranstaltung des Krimimarathons Berlin-Brandenburg in der „Botschaft des Westens“, dem Haus der Nordrhein-Westfalen statt. Die Resonanz war derart positiv, dass der Krimimarathon bei der Planung der Auftaktveranstaltung in 2019 ja vielleicht wieder an uns denkt.

Berichterstatter: Ditmar Gatzmaga

Konrad Beikircher

Autor, Musiker und Kabarettist aus Bonn; Westwind-Ehrenmitglied!

Wir Rheinländer haben Berlin gegründet. Jetzt wird es Zeit, es zum Leben zu erwecken, denn: ohne Wind ussem Westen lööf in Berlin gar nix!