17. Mai 2018

Jörg Aufenanger: geboren 1945 in Wuppertal, "ist ein deutscher Schriftsteller und Regisseur", so wird er in Wikipedia vorgestellt. Wenn man weiter liest, hat der Hinweis auf "deutscher" seine Berechtigung, denn rund zehn Lebensjahre verbrachte Aufenanger als Theaterregisseur und Schauspieler in Paris und war auch am Teatro Vascello in Rom tätig. Das Spektrum seiner Tätigkeiten umfasst auch "Hörspiele, Radio- und TV Features- und Filme" (Wiki).

Jörg Aufenanger, in der Hand der zweite Band seiner Erinnerungen.

Die rund 40 Gäste der Westwind-Lesung am 17. Mai aber wurden nur mit dem kleinen Ausschnitt seiner jungen Jahre bekannt, in die Jörg Aufenanger mit der Lesung ausgewählter Erinnerungen aus seinen beiden autobiografischen Veröffentlichungen ("Bin ich nun ein Trümmerkind ..." und "Bin ich nun ein Wirtschaftswunderkind") Einblick gewährte. Es sind keine umfangreichen Werke, keine Versuche, Lebensjahre zu reflektieren und den Autoren als Gesamtkunstwerk zu präsentieren. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von Erinnerungsstücken, im Klappentext treffend als "Miniaturen" bezeichnet. Anekdoten, die wie Schlaglichter Ausschnitte aus einer Vergangenheit sichtbar machen, die weit entfernt scheint. Uns Zuhörern aber sehr nahe kam. Es war, als säße uns nicht ein versierter Autor am Podium gegenüber, sondern ein Freund, der uns in der stillen Ecke einer Gaststube bei einem Glas Bier oder Wein sehr Persönliches aus seinem Leben anvertraut. 

Ein "Trümmerkind" im eigentlichen Sinne war der Autor nicht, denn er wuchs nicht in einer völlig zerbombten Umgebung, wie zum Beispiel der Nordstadt des Wuppertaler Ortsteils Elberfeld auf. Sein Lieblingsspielplatz waren die Trümmer, die die einzige Bombe verursachte, als sie im ansonsten völlig verschonten Zooviertel im Westen Wuppertals einschlug. Einem Viertel, das bis heute geprägt ist durch Gründerzeitvillen hinter Alleebäumen.

Leo Dautzenberg
Dr. Dominik Fanatico
Ditmar Gatzmaga, Jörg Aufenanger

Die Gäste begrüßt hatte Leo Dautzenberg, taufrisch im Westwind-Vorsitz, durchaus aber schon sehr vertraut mit der Vereinsarbeit durch die Zeit, die er Jahre zuvor als Vorstandsmitglied mitgestaltet hatte. Den Stab weiterreichen konnte er an Dr. Dominik Fanatico, den stellvertretenden Leiter der "Botschaft des Westens", der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin. Dr. Fanatico machte nicht nur klar, dass die Leitung des Hauses die Zusammenarbeit mit dem Partner Westwind e.V. sehr schätzt. Aus der Innentasche seiner Anzugjacke zog er einen Mitgliedsantrag hervor, der der Westwind-Geschäftsführung in den nächsten Tage unterschrieben vorliegen dürfte. Mit einigen Fragen an Jörg Aufenanger leitete der ehemalige Westwind-Geschäftsführer Ditmar Gatzmaga über zur Lesung.

Der zweite Weltkrieg endete in Deutschland am 8. Mai 1945. Im selben Jahr, rund sieben Monate nach Kriegsende, kam am 16. Dezember Jörg Aufenanger zur Welt - wie man so schön sagt. Ein Nachkriegskind. Optimal war die Ernährungslage nicht und weil er viel zu dünn war, wurde Jörg wie viele andere mit sechs Jahren zur Kur geschickt, Er wurde nicht für schulreif befunden, sondern in den Kindergarten geschickt, obwohl seine Mutter dem Arzt gegenüber protestiert hatte: der Junge könne doch bereits lesen und schreiben, Noten lesen könne er auch, und habe auch schon für die Blockflöte komponiert.

Seine Mutter erreichte dann aber doch noch seine Einschulung. Sie war ein "Aprilscherz", fand statt am 1. April 1952. Jörg aber langweilte sich nun. Lieber wäre er spielen gegangen, zum einzigen Trümmergrundstück, das es im Zooviertel gab. Im Zoo selbst ging er ein und aus, unterhielt sich gelegentlich mit dem Zoodirektor, der auf dem Zoogelände wohnte und dort spazieren ging, wurde schließlich dadurch ausgezeichnet, dass er auf dem Elefantenkind Targa reiten durfte, was ihm den Neid der Kinder einbrachte, die den Zoo besuchten. Für eine Reklameaktion wurde er auf dem Elefanten sitzend fotografiert. Auch mit einem jungen Puma an der Leine, der ihn mehr zog, als er ihn führte. Ziegen streicheln, das war ihm dann aber zu blöd. Da machte Jörg nicht mit.

Die Wuppertaler Jahre endeten im April 1955 mit dem Umzug nach Dortmund. Damit schließt der erste der beiden Rückblicke, der mit den Miniaturen aus den ersten zehn Lebensjahren.

In der Pause erhielten die Gäste der Lesung Gelegenheit für einen Imbiss im Wintergarten nebenan. Geboten wurden Currywürste aus dem Ruhrpott, die echten von Dönninghaus mit der originalen Sauce. Keine schmeckt besser! Wer es lieber vegetarisch mochte, wurde mit Pillekuchen bedient, einer Spezialität aus dem Bergischen Land (Wuppertal bezeichnet sich gerne als Hauptstadt des Bergischen Landes!), der nicht mit Speck, sondern stattdessen mit Ziegenkäse zubereitet war. Auch sehr lecker. Der Autor nutzte die Pause für den Verkauf seiner Bücher.

"Augenblicke aus der Wunderzeit", so lautet die Fortsetzung der biografischen Erzählung im Untertitel. Sie spielt in einer anderen Welt, denn das Leben in Dortmund ähnelte nun gar nicht mehr der Idylle des Zooviertels, die Ruhrmetropole war großflächig zerbombt worden, die Ruinen wurden im Eiltempo durch gesichtslose Wohnblocks ersetzt.

Von den Auswirkungen des Krieges hatte Aufenanger in Wuppertal wenig wahrgenommen. "Das war nun anders. Einbeinige, die sich an Krücken durch die Stadt schleppten, beinlose Männer, die auf Rollbrettern zwischen den Trümmern einherfuhren...". Die Art zu sprechen sei in Dortmund anders gewesen, wobei der Autor die Mundart als viel angenehmer als "die Wuppertaler Art, rheinisch zu sprechen" empfindet (das sei ihm, aus Wuppertaler Sicht, verziehen). 

Seine Zuhörer lernen über die Unterschiede zwischen der Dortmunder Südstadt, wo Aufenanger mit seiner Mutter in einer kleinen Mietshauswohnung lebt, und Dortmunds Nordstadt, wo er das Gymnasium besucht. Sie erfahren etwas über seine Liebe zum Fußball, speziell natürlich zum BVB. Auch über seine frühen Lieben. Und erhalten Einblick in die Nachkriegsjugendjahre in einer Stadt, in der, wie wohl überall in Deutschland, die Zeit zwischen 1933 und 1945 kein Thema war. Auch im Geschichtsunterricht wurde sie ausgeblendet.

Westwind-Geschäftsführerin Rita Brückner mit Jörg Aufenanger

1967 zog es Jörg Aufenanger nach Berlin, aber bereits ein Jahr später begannen mit der Fahrt nach Paris seine zehn Jahre in Frankreich. Wie es danach weiterging? Das muss man Herrn Aufenanger bei Gelegenheit selber fragen, denn eine literarische Fortsetzung seiner Erinnerungen wird es nicht geben – das versicherte er uns.

Der Abend klang aus in heiterer Stimmung, gut gelaunt verließen uns unsere Mitglieder und Gäste. Wir freuen uns auf die nächste Westwind-Lesung in der "Botschaft des Westens".

Berichterstatter: Ditmar Gatzmaga (gebürtiger Wuppertaler)

Fotos: © Reiner Zensen

Petra-Sabine Ullrich

Tätig für die CDH e.V. – Der Verband für Vertriebsprofis

Ich bin gerne im Verein Westwind. Es ist immer wieder schön, ab und an Heimatgefühle vermittelt zu bekommen und Kölsche Töne zu hören. Die regelmäßigen Stammtische sind stets eine Bereicherung. Schnell ist man in Kontakt mit sympathischen Menschen, die alle eines verbindet: die Liebe zu NRW.