19. April 2018

Das sollte ein urkomischer, aber auch sehr emotionaler Abend werden, zu dem der Verein „Westwind e.V.“ in die Landesvertretung Nordrhein-Westfalen in Berlin am 19. April 2018 einlud: „Heinrich Heine (1797-1856). Ein Liederabend“ mit Anna Johanna Katharina Hofmann (Gesang) Ju Ae Ha (Klavier).

„Der letzte Dichter der Romantik und ihr Überwinder“, so sah sich der Verfasser der „Loreley“ und des „Wintermärchens“ selbst. Dass Anna Hofmann und Ju Ae Ha die verschiedenen Facetten seines Werks, lyrische Liebesverse und scharfzüngige Gedichte so herrlich erfrischend zum Leuchten bringen, hat man so nicht erwartet. Anna, sobald sie zum Singen ansetzt, wirkt wie entrückt. Plötzlich sieht man ein feenhaftes Wesen mit Porzellanhaut vor sich, halb Mädchen, halb Frau, zarte Gesichtszüge, fragile Haltung, blonde schulterlange Locken – und ist selber bereits wie weggedriftet in eine surreale Welt ähnlich der von E.T.A. Hoffmanns Figuren und Jacques Offenbachs Musik.

Das war kein reines Liedersingen mehr, sondern: Musiktheater. Anna stand schon als Kind im Kinderchor der Oper Chemnitz auf der Bühne. Dass Oper und Musical ihr Metier sind, merkt man schnell. Die fein-lyrische Begleitung der südkoreanischen Pianistin Ju Ae passte ganz natürlich zu Annas hellem Sopran. Dass sich dieses Harmonieerlebnis so einstellen konnte, lag auch am Feingespür des Impresarios Michael Dauskardt, des Leiters der Konzertdirektion Dr. Dauskardt (muventa international network GmbH). Er war es, der das Potenzial des Duos erkannt und die Auswahl der Stücke getroffen hat.

Die einzigartige Stimmung hielt vom ersten Ton und Tastenschlag eineinhalb Stunden lang bis zum Ende an. Zwischen den Liedern führte Anna in das Leben von Komponisten, die mit der Vertonung von Heines Gedichten berühmt wurden, ein. Darunter zum Beispiel Felix Mendelssohn Bartholdy und seine hochbegabte Schwester Fanny Hensel, der ihr Vater, anders als Bruder Felix, nicht gestattete, sich kompositorisch und pianistisch zu betätigen. So etwas schicke sich für eine anständige Frau nicht. Fannys Lieder mussten oftmals unter dem Namen des Bruders erscheinen. Clara Schumann hatte es einfacher: Sowohl ihr Vater, als auch später der Ehemann Robert Schumann unterstützten ihr Talent.

Nicht nur die Schumanns, auch Johannes Brahms, der als junger Mann häufig im Hause Schumann verkehrte, schrieben Lieder nach Heines Gedichten, die von berückender Schönheit sind, ebenso Richard Strauss. Bei seinem „Schlechtes Wetter“-Lied musste man unweigerlich schmunzeln, und bei Pjotr Iljitsch Tschaikowskis aufhorchen, hat man doch „Warum sind denn die Rosen so blass“ gerade eben gehört – eine Fanny Hensel-Version. Überliefert ist, dass Tschaikowski sich so beeindruckt von ins Russische übersetzten Gedichten von Heine zeigte, dass er einige von ihnen vertonte. Tschaikowskis Version von "den Rosen" erklang auf Russisch.

Dass das Duo nicht nur Liebeslieder kann, bewies ein einziges Lied. „Wir weben“, vorgetragen mit dieser stoischen stolzen Haltung, Sprechtheater, Brecht-like. Das klang wie ein Marsch, eine Beschwörungssaga, eine Arbeiterhymne, und ließ Unheilvolles vorahnen.

Zum Schluss noch ein wenig Heimat. Sächsische Heimat von Anna. Abermals verwandelt, rezitierte sie Heines „Die Loreley“, ins Sächsische "übersetzt" von Lene Voigt, der berühmten sächsischen Mundartdichterin.

Diese Einlage, wie auch die wunderbar dahinschmelzenden Solo-Klavierstücke von Ju Ae dazwischen, ergaben zusammen ein Gesamterlebnis von einem Abend voller Kunst, Schalk und Witz.

Bei so viel Kreativität und Lust am Spielen wünscht man sich mehr. Wann kommt die zweite Auflage?

Svetlana Alexeeva
Freie Autorin, Inhaberin von DIGITAL INSIGHT Russia & CEE:
Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

© Photo Reiner Zensen

Norbert Lemken

Bayer AG, Director Agricultural Policy, Verbindungsbüro Berlin; Landwirt und Betriebswirt

Die Westwind-Treffen sind für mich zugleich Heimat und Rückenwind, und das in sehr angenehmer Atmosphäre.