08. März 2016

Rita Süssmuth war unser Talkgast bei der zweiten Veranstaltung der Reihe “NRW – ganz persönlich”. Im ersten Teil des Gespräches stand ihr Lebensweg im Mittelpunkt. Im zweiten Teil nutzte Frau Süssmuth die Gelegenheit, ihre aktuelle Sicht auf die mit der Zuwanderung nach Deutschland verbundenen Fragen kundzutun.

Rita Süssmuth und Erik Bettermann

Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal geboren. Sie studierte in Münster und in Paris zunächst Romanistik für das Lehramt, danach Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie. Als Promotionsthema wählte sie “Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart”. Der betreuende Dozent konnte sich damit gar nicht anfreunden und drängte ihr eine Arbeit auf, mit der sie sich ein Jahr lang quälte – und dieses Bemühen dann abbrach. Das enttäuschte den Doktorvater, verschaffte ihr aber den Raum für einen neuen Anlauf. Selbstverständlich mit ihrem ursprünglichen Wunschthema. Die hier aufscheinende Hartnäckigkeit spielte in ihrem weiteren Leben, vor allem dem in der Politik, eine entscheidende Rolle.

Ab 1966 war Frau Süssmuth als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr beschäftigt, ab 1971 als Professorin für Erziehungswissenschaft. 1973 wechselte sie zur Universität Dortmund. Parallel dazu nahm sie von 1969 bis 1982 einen Lehrauftrag an der Ruhruniversität Bochum wahr.

Ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte Rita Süssmuth im September 1985 mit ihrer Berufung zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Damit begann eine politische Karriere, die ihr bis heute Aufmerksamkeit sichert, wo immer sie auftritt. Geschuldet ist dies dem Umstand, dass Rita Süssmuth sich immer wieder höchst strittigen Themen zuwandte und diese beharrlich verfolgte, nicht selten gegen den Widerstand des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, und auch dann, wenn sie sich mit ihrer Meinung lange in der Minderheit sah. Ihr Engagement galt dem Thema Aids, der Frauengleichstellung, der Schaffung eines Einwanderungsgesetzes.

 

Ihre Nominierung zur Präsidentin den Deutschen Bundestages im November 1988 war nicht zuletzt ein Versuch, ihre politischen Einflussmöglichkeiten zu beschneiden. Heute wissen wir: er misslang gründlich. Im öffentlichen Bewusstsein präsent geblieben ist ihr Engagement um den Schwangerschaftsabbruchparagrafen 218, indem Sie sich für einen “Dritten Weg” einsetzte, der dann in wesentlichen Teilen Gesetz wurde: eine Fristenlösung mit Beratungspflicht. Die Entscheidung der Frau rückte damit in den Mittelpunkt der gesetzlichen Lösung.

Das Berliner Flötenquartett Aloysia hatte den Abend mit einem Mozart-Stück eröffnet. Nach den Begrüßungsworten des Westwind-Vorsitzenden präsentierten einige Szenen auf der Leinwand Rita Süssmuth in heiteren Zusammenhängen – und leiteten damit über zum ersten Teil ihres Gesprächs mit Erik Bettermann. Dann gehörte die Bühne wieder dem Aloysia-Quartett, diesmal mit Dvoraks Lento aus dem Amerikanischen Quartett, das sich als gute Einstimmung für den zweiten, sehr ernsthaften Teil des Gesprächs erwies.

Dem Quartett dankte Frau Süssmuth mit einer kleinen Geschichte: Die Sprache der Musik sei ja eine ganz andere als die verbale Sprache. Als sie das erste Mal nach Israel gefahren sei, habe sie das zunächst wie einen Gang auf Erbsen empfunden. Aber sie sei mit einem Jugendorchester angereist, und stärker als sie mit Worten habe das Orchester mit Musik die Menschen zusammengeführt.

Frau Süssmuth hatte sich ausbedungen, den zweiten Teil des Gesprächs der Einwanderung nach Deutschland zu widmen. Sie habe sich schon 1994 dafür ausgesprochen, ein Einwanderungsgesetz auf den Weg zu bringen. Im Sommer 2000 berief Otto Schily, der damalige SPD-Innenminister, eine unabhängige Sachverständigenkommission mit dem Titel “Zuwanderung gestalten – Integration fördern”. Rita Süssmuth gewann er als Vorsitzende der Kommission. Sie erklärte dazu, dass ihr davon dringend abgeraten worden sei, denn bis dahin habe es als ungeschriebenes Gesetz gegolten, dass ein Mitglied einer früheren Regierung nicht in einer Kommission einer oppositionellen Regierung mitarbeite. Für sie sei aber der Gedanke ausschlaggebend gewesen, dass es in der politisch heterogen besetzten Kommission nicht um Parteizugehörigkeit gehe, sondern um die Gestaltung der Zukunft Deutschlands.

Zur aktuellen Debatte erklärte Süssmuth, dass sie Schwierigkeiten damit habe, dass nur noch von Flüchtlingen geredet werde. Man müsse unterscheiden zwischen freiwilliger und erzwungener Zuwanderung. Der Schriftsteller Umberto Eco habe schon 1968 gesagt: “Das sind humanitäre Migranten, nicht Flüchtlinge”. Mit anderen Worten: es gehe darum, allen Menschen, die zu uns kommen, Integrationsangebote zu machen. Die jüngsten OECD-Daten sagten, dass es dafür entscheidend sei, ob es einer Nation, ob es Europa gelinge, den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben. Dazu gehöre, lernen zu können und beteiligt zu sein. In Deutschland erleben die Angekommenen aber erst einmal “15 Monate lang ein Abschieben in die Untätigkeit”.

Süssmuth führte dazu aus: “Wir haben zurzeit Schwierigkeiten mit österreichischen Positionen. Aber in Österreich, in Wien, habe ich erlebt, dass sie (die Migranten) beteiligt worden sind an der Herrichtung der Unterkünfte, an Sanierungsarbeiten, am Bereitstellen der Mahlzeiten, im Wäschebereich, im Spülbereich, im Reinigungsbereich. Da habe ich ganz andere Gesichter gesehen als hier, wo ich die Menschen auf unseren großen Pritschenlagern sehe. Das einzige, was ihnen bleibt, ist schlafen und ein bisschen herumgehen.” Wir dürften uns nicht länger so verhalten, als gehe dadurch nicht Energie verloren. Die Menschen seien darauf aus, unsere Sprache zu lernen und zu arbeiten.

Zu loben sei das Engagement der vielen Ehrenamtlichen und vieler Kommunen. Sie frage sich aber, warum die guten Beispiele nicht stärker in die öffentliche Debatte eingebracht werden, warum man nicht Geld dafür in die Hand nehme, dass die Menschen diese Beispiele kennenlernen. Integration setze immer ein Miteinander voraus. Deshalb sei Arbeit so wichtig, am Arbeitsplatz lerne man sich kennen, dort bauten sich Fremdheiten ab. Bei den Gewerkschaften und den Arbeitgebern gebe es dafür fantastische Beispiele. Sie wolle auch die Kommunen nennen, die nicht buchstabengetreu dem Gesetz folgen, denen es wichtiger sei, die Menschen tätig werden zu lassen und nicht primär zu fragen, ob das schon eine Erwerbstätigkeit sei, die ja erst aufgenommen werden dürfe, wenn die Zugewanderten als Asylbewerber anerkannt sind.

Zum Schluss erklärte Rita Süssmuth: “ Ich verstehe die Kanzlerin in ihrer ethischen Überzeugung. Wir können die Menschen nicht einfach auf das Mittelmeer verweisen: “dann krepiert, dann sterbt doch dort.” Anfangs hätten wir die Italiener alleine gelassen. Jetzt ließen wir andere alleine, die zu Viele aufgenommen haben. Es mache sie traurig, dass 28 EU-Staaten sich nicht darauf verständigen könnten, wie sie die Ankommenden verteilen. Das sei ein Skandal.

“Es waren 4000 iranische Flüchtlinge im Irak, auch die Amerikaner nahmen keinen auf, obwohl sie dort die Schutzmacht waren. Wissen Sie, wer die jetzt aufnimmt? Albanien! Die hatten vorher schon 600 aufgenommen. Mitunter nehmen die armen Länder dann noch die Bedrängten auf. Und wir schaffen das nicht, wir 28, diese aufzuteilen. Davon wäre niemand überfordert. Das sind Dinge, die wir anders diskutieren müssen, als nur zu fragen, sind das Wirtschaftsflüchtlinge?”

Mit dem Dank an den Gast des Abends lud Erik Bettermann dann zum Büfett ein. Lange noch begleitete das Aloysia Quartett musikalisch den Empfang.

Petra-Sabine Ullrich

Tätig für die CDH e.V. – Der Verband für Vertriebsprofis

Ich bin gerne im Verein Westwind. Es ist immer wieder schön, ab und an Heimatgefühle vermittelt zu bekommen und Kölsche Töne zu hören. Die regelmäßigen Stammtische sind stets eine Bereicherung. Schnell ist man in Kontakt mit sympathischen Menschen, die alle eines verbindet: die Liebe zu NRW.