3. Juli 2018

Der kleine Prinz – kam von Düsseldorf nach Berlin

Wer kennt ihn nicht, den „Kleinen Prinzen“? Weltweit wurde das Buch – in viele Sprachen übersetzt - rund 15 Millionen Mal verkauft. Mittlerweile gibt es neben der ersten, der Originalübersetzung in deutscher Sprache, auch Übersetzungen neueren Datums. Nach wie vor aber greifen die Käuferinnen und Käufer meist zum „Original“.

Das Buch erschien 1943, also vor 75 Jahren, zum ersten Mal in englischer Sprache New York. Für den Karl Rauch Verlag ein Anlass, das Gesamtwerk „seines“ Autoren Antoine de Saint-Exupéry in diesem Jahr besonders herauszustellen. Der Karl Rauch Verlag besaß die Rechte dafür, die mittlerweile frei sind, da die urheberrechtliche „Regelschutzfrist“ in der EU nach 70 Jahren endet.

Der Sitz des Karl Rauch Verlags ist seit etlichen Jahren Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt Düsseldorf. Verlagsleiter Dr. Hans-Gerd Koch wuchs in Gevelsberg, wenige Kilometer östlich von Wuppertal gelegen, auf. Seit 1981 ist Koch an der Kafka-Forschungsstelle der Bergischen Universität in Wuppertal tätig.

Verlagsleiter Dr. Hans-Gerd Koch
Im Gespräch mit Ditmar Gatzmaga

Über seine besonderen Bezüge zur Hauptstadt des Bergischen Landes gab Koch in einem kurzen einführenden Gespräch mit Ditmar Gatzmaga, ehemaliger Westwind-Geschäftsführer und ehrenamtlicher Unterstützer des Vereins bei der Vorbereitung und Durchführung von Lesungen, Auskunft.

Über die wechselvolle Geschichte des 1923 in Dessau gegründeten Verlags erzählte Koch dann ausführlich und sehr anschaulich. Die Gäste in der WestLounge im Souterrain der „Botschaft des Westens“ erfuhren, dass nach dem Wechsel des Verlags nach Düsseldorf im Jahr 1948, die ersten deutschen Übersetzungen von Albert Camus und Boris Vian zum Programm zählten, dass es dann aber auch etliche Jahre gab, in denen fast ausschließlich Saint-Exupérys Werke im Angebot zu finden waren.

Familie Bagel, Eigentümer des Karl Rauch Verlags, übertrug dessen Verwaltung 1995 an den Patmos Verlag, dessen Leiter Tullio Aurelio zum Karl Rauch Verlag wechselte und die Literatursparte wieder aufbaute. Hans-Gerd Koch setzte dies dann bis heute fort.

(Zur Geschichte des Verlags: https://karl-rauch-verlag.de/der-verlag/)

„Der kleine Prinz“ ist in der Originalübersetzung von Grete und Josef Leitgeb nach wie vor ein Verkaufsschlager. Aktuell liegen Übersetzungen zum Beispiel von Hans-Magnus Enzensberger und von Peter Sloterdijk vor, die das „Original“ aber offenbar nicht ausstechen können.

Karl Rauch im Gespräch mit Isabel Pin

Im Zentrum des Abends stehen die Werke zweier junger Autorinnen des Karl Rauch Verlags. Die Französin Isabel Pin hatte den Verleger mit ihren Illustrationen überzeugt. Deshalb trug er ihr an, eine illustrierte Ausgabe des Kleinen Prinzen für Kleinkinder zu erstellen, die für Kinder ab drei Jahren verständlich sein sollte. Isabell Pin erzählt, dass dieser Vorschlag sie erstens sehr überrascht, und sie sich zweitens für die Antwort viel Zeit gelassen habe. Konnte sie das wirklich leisten?

An dieser Stelle änderte sich der Charakter der Veranstaltung, er gewann etwas Intimes, als würden die Gäste als heimliche Beobachter dem Verleger und seiner Autorin bei der Entstehung eines Werkes über die Schultern schauen. Sie rückten in die Rolle von Zeugen eines Zwiegespräches, eines kreativen Prozesses zwischen zwei Literaturschaffenden.

Isabel Pin war sich sehr unsicher, ob sie es schaffen könnte, den philosophischen Gehalt des Werkes in der von ihr erbetenen Kombination von visueller und sprachlicher Übertragung in einer für Kinder verständlichen Weise neu zu erzählen.

Sie löste diese Aufgabe, indem sie erste kurze Texte Kindern in einem Kindergarten vorlas, die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer dabei beobachtete und im Gespräch mit ihnen erfuhr, was verstanden wurde und wo es noch große Fragezeichen gab.

Das wiederholte sie so lange, bis sie sicher war, dass ihre „Übersetzung“ die junge Zuhörer- und Leserschaft erreichen würde.

Ihr Buch war, wie etliche andere aus dem Verlagsprogramm, am reich sortierten Büchertisch erhältlich. Organisiert worden war er durch den Verlag, bestückt durch seine Berliner Partner.

Begleitet von anhaltendem Applaus machte Frau Pin schließlich Platz für die Autorin Ilinca Florian.

Hans-Gerd Koch im Gespräch mit Ilinca Florian

Eine junge Frau mit rumänischem Namen und einem Buch im Gepäck, das im Rumänien der Ceausescu-Ära spielt: erwarten durften die Westwind-Gäste eine junge Rumänin. Ihr akzentfreies Deutsch bedurfte deshalb einer Erklärung, die Frau Florian gerne lieferte, weil dieses Missverständnis ihre Lesungen begleitet: In Rumänien lebte sie nur bis zum sechsten Lebensjahr, sie wuchs dann in Deutschland auf und fühlt sich als Deutsche.

„Als wir das Lügen lernten“ ist folgerichtig in deutscher Sprache erschienen, die rumänische Ausgabe sei in Vorbereitung, aber noch nicht auf dem Markt.

Ilinca Florian und Hans-Gerd Koch kennen sich seit mehr als zehn Jahren. Bereits bei ihren ersten Gesprächen ging es um Manuskripte, bei denen es sich allerdings nicht um Romane, sondern um Kurzgeschichten handelte – oder Fragmente zu Kurzgeschichten? Jedenfalls wusste Herr Koch zu berichten, dass er immer Potential in diesen Texten erkannt habe. Aber erst das Manuskript zu Frau Florians erstem Roman führte dann zu einem handfesten Ergebnis.

Einen Eindruck vermittelte der längere Textausschnitt, den Ilinca Florian vorlas. Er schilderte aus der Sicht einer jungen Frau Szenen aus einem Eislaufstadion so anschaulich, als hätte man an der Bande gestanden und ihr zugeschaut.

Das war es offensichtlich, was den Verleger überzeugt hatte, denn Hans-Gerd Wolf erklärte, dass seine junge Autorin mit ihren Schilderungen gewiss auch Drehbücher schreiben könnte. Weil man sofort Bilder vor Augen habe, wenn man ihr zuhöre oder den Text lese. Das sei einer der Gründe für die Entscheidung zur Aufnahme des Titels in das Rauch-Verlag-Programm gewesen.

Nach einigen Schlussworten des Verlegers meldete sich ein Gast noch mit der Frage, ob die junge Generation dem Literaturbetrieb ganz überwiegend verloren gehe, weil sie sich im Alltag längst an andere Formen des Medienkonsums gewöhnt habe.

Hans-Georg Koch räumte zwar ein, das der Buchmarkt in spürbarer Weise Kunden verloren hätte. Aber die Vorhersage, dass eine generelle Abwendung vom Medium Buch erfolgen werde, habe sich nicht bewahrheitet – und werde so wohl auch nicht erfolgen. Entgegen vieler Erwartungen würden elektronische Lesegeräte das Buch nicht verdrängen, der Nutzungsgrad liege unterhalb von fünf Prozent. Wer sich für lange Text interessiere, greife weiterhin zum Buch. Das gelte für die Generation der dreißig- bis sechzigjährigen genauso, wie für jüngere Leserinnen und Leser.

Den Literaturfreundinnen und -freunden der Westwind-Lesung wird der Verleger des Karl-Rauch-Verlags damit aus der Seele gesprochen haben. Einige Fragen der Gäste galten dem nächsten Angebot in der Reihe der Lesungen. Die Antwort: eine Lesung im Rahmen des Krimimarathons Berlin-Brandenburg am 16. November an gewohntem Ort.

Das Dankeschön der Veranstalter galt vor allem den anwesenden Inhaberinnen des Veranstaltungspartners Schwind-Kommunikation, Margarete Schwind und Sabine Schaub. Von Frau Schwind persönlich, so Herr Gatzmaga, stammte der Vorschlag, den Düsseldorfer Karl Rauch Verlag mit seinem internationalen Programm und der Ergänzung der vorliegenden Veröffentlichungen zum „Kleinen Prinzen“ um eine Kinderbuchfassung einzuladen. Auch sei es der Schwind-Kommunikation zu verdanken, dass die Einladung zur Lesung viele Adressen erreicht habe.

Insgesamt ein runder Abend, der mit einem kleinen Imbiss im Souterrain-Wintergarten begann und nach der Lesung auf der Terrasse vor dem Wintergarten bei einem guten Schluck ausklang.

Berichterstatter: Ditmar Gatzmaga
Fotos: © Reiner Zensen

Christa Korn-Wichmann

 

Die Mitgliedschaft beim Westwind ist für mich die Brücke zwischen NRW/Bonn und Berlin. Sozusagen eine Verbundenheit mit den Menschen im Verein, mit denen ich mich gerne treffe.