10. März 2015

Wer den unscheinbaren Zweckbau im Hof der Seestraße 13 betritt, erwartet an dieser Stelle ganz bestimmt keine Sammlung origineller technischer Geräte.

Bereits im Jahr 1874 wurde die Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation eingerichtet – der preußische Staat dachte damals ganz praktisch an die Weiterverwertung eventueller Kartoffel- oder Getreideüberschüsse in Form von Alkohol – und der deutsche Kaiser Wilhelm I. ging hier ein und aus.

Das Institut gibt es in anderer Form noch immer, allerdings werden seine historischen Apparaturen seit 2008 von einem Vier-Personen-Betrieb verwendet, der ”Preußischen Spirituosen-Manufaktur” (PSM). Schon der erste Institutsleiter, Max Delbrück, stellte mit seinen Studenten Liköre und Obstbrände her und verewigte die Ergebnisse seiner Experimente im ”Brevier der flüssigen Freuden”.

Aber auch alle Versuchsreihen wurden und werden durchgängig seit 1874 von Wissenschaftlern und Destillateurmeistern akribisch dokumentiert und Rezepturen und Verfahren ständig weiter entwickelt.

Über 80 Rezepte, darunter das Ur-Rezept für den ”Adler-Gin” und den ”Adler-Wodka”, und auch viele Apparaturen stammen noch aus dieser Zeit. Doch die beiden Betreiber der Manufaktur, Ulf Stahl, Professor für Mikrobiologie, und Gerald Schroff, langjähriger Barmann, prägen die geerbten Rezepturen für die Verfeinerung traditioneller hochprozentiger Getränke mit ihrem eigenen Sachverstand. Eine Destillateurin und ein Auszubildender komplettieren das Experten-Quartett.

Die Bandbreite der von Hand hergestellten Spirituosen ist enorm: Kräuter-, Obst-, Rosen- und Zimtliköre, Magenbitter, Danziger Goldwasser, Getreidekümmel, Wodka – und der Delbrücksche Adler Gin in der charakteristischen Flasche.

Der Alkohol als Grundlage wird in der PSM nicht selbst hergestellt. Vielmehr konzentriert man sich dort auf die Herstellung der Pflanzenessenzen, Mazerate und Destillate. Über 200 Duft- und Geschmacksstoffe aus Blüten, Kräutern, Wurzeln, Rinden und Samen machen die Drogenduftorgel der PSM zum Ausgangspunkt sämtlicher Kompositionen.

Durch Hinzugabe von Alkohol entstehen daraus die 35 verschiedenen Spirituosen, die die PSM im Angebot hat.

Den Abschluss der Führung bildet die Verkostung eines sechs Jahre alten Gins – für alle Teilnehmer gibt es einen Schluck aus der Kelle